Klima, Teil 2: Wer machte CO2 zum Weltthema?

Klima, Teil 2: Wer machte CO2 zum Weltthema?

Ein Einwand mit langem Schatten

 

Im letzten Teil endete die Geschichte an einem Punkt, den ich für wichtig halte: Um 1900 war die Sache offen. Arrhenius hatte die Idee stark gemacht, dass Änderungen des CO2-Gehalts die Temperatur der Erde verändern könnten. Ångström hatte mit seinem Sättigungsargument einen Einwand formuliert, der nicht einfach aus der Luft gegriffen war.

 

Die Frage verlor lange Zeit an Zugkraft, gerade weil Ångströms Einwand experimentell greifbarer wirkte als Arrhenius’ globale Ableitung vom Labor über die Atmosphäre bis hin zur gesamten Erde. Vereinfacht gesagt stand auf der einen Seite ein plausibles physikalisches Grundprinzip und eine weit gespannte Hochrechnung, auf der anderen Seite ein konkreter spektraler Einwand mit Versuchsanordnung. Wenn die Grundannahme der zusätzlichen wirksamen Absorption in der realen Atmosphäre nicht trägt, fällt die ganze weitere Kette in sich zusammen.

 

Hinzu kam: Es fehlten damals die Mittel, diese Kette sauber zu prüfen. Weder gab es Satelliten noch globale Messnetze für langwellige Strahlung. So blieb die These für viele lange eine kaum entscheidbare Möglichkeit von eher mäßiger praktischer Relevanz. Entsprechend hielten manche die zusätzliche Wirkung von CO2 für klein, andere für unsicher, wieder andere für kaum bedeutsam. Die Wissenschaftsgeschichte beschreibt diese Phase recht klar: Arrhenius’ Überlegungen wurden zunächst nicht breit akzeptiert, und auch Jahrzehnte später galt die Vorstellung einer nennenswerten menschengemachten Erwärmung vielen noch als spekulativ (Weart, o. J.).

 

Dann wurde es plötzlich wärmer

 

In den späten 1930er Jahren kam dann ein Umstand hinzu, der der Sache neue Plausibilität verlieh: Eine Erwärmung war bereits Thema. Die historische Darstellung des American Institute of Physics beschreibt anschaulich, dass in den 1930er Jahren Presse und Wetterdienste zunehmend auf ungewöhnlich milde Jahre aufmerksam wurden. Zugleich deuteten Fachleute diese Entwicklung zunächst meist nicht als dauerhafte Verschiebung, sondern als Teil eines längerfristigen natürlichen Zyklus. Gerade das ist aufschlussreich: Erwärmung war bereits sichtbar genug, um diskutiert zu werden, aber noch nicht so verstanden, dass daraus zwingend eine anthropogene Deutung gefolgt wäre (Weart, o. J.).

 

Callendar setzte genau an diesem Punkt an. Nach jahrelanger Auswertung der verfügbaren Reihen kam er 1938 zu dem Schluss, dass sich die Landtemperatur der Erde in den vorangegangenen Jahrzehnten deutlich erhöht hatte. Einen frühen Versuch hatte bereits Köppen 1873 unternommen. Callendar konnte nun aber auf deutlich breitere Datensammlungen zurückgreifen, vor allem auf die World Weather Records. Damit hatte er erstmals eine aktuelle, zahlenförmige Erwärmung im Rücken – in einer Größenordnung von knapp 0,5 °C seit dem späten 19. Jahrhundert. Das war neu. Bei Arrhenius war CO2 vor allem mit Eiszeiten und sehr langen Zeiträumen verknüpft. Callendar machte daraus eine Gegenwartsfrage: Nicht mehr nur, ob CO2 theoretisch das Klima beeinflussen kann, sondern ob die Industrialisierung bereits eine messbare Erwärmung ausgelöst haben könnte (Callendar, 1938; Weart, o. J.).

 

Trotzdem wurden seine Argumente von vielen Zeitgenossen als wenig plausibel angesehen. Callendars These wirkte auf viele Forscher zu kühn für die verfügbare Datenlage. Er arbeitete mit begrenzten Temperaturreihen und einer CO2-Datenbasis, die aus heutiger Sicht noch unsicher und lückenhaft war. Zeitgenössische Kritiker hielten es deshalb für gut möglich, dass die beobachtete Erwärmung bloß eine natürliche Schwankung sei. Callendar wurde zunächst eher als beharrlicher Außenseiter wahrgenommen als als jemand, der die Sache entschieden hätte. Auch das gehört zur Geschichte (Callendar, 1938; Weart, o. J.).

 

Aus einer Kette wird langsam ein Netz

 

Genau hier liegt für mich ein wichtiger Punkt. Die CO2-Hypothese setzte sich später nicht deshalb durch, weil ein einzelnes Gegenargument plötzlich verschwand. Ångströms Einwand war plausibel, und der Kern seines Arguments lässt sich mit modernen Mitteln jederzeit neu prüfen. Die Gegenthese bestand dagegen aus einer Kette von Annahmen und Wirkzusammenhängen: CO2 absorbiert langwellige Strahlung; der CO2-Gehalt steigt; daraus ergibt sich ein zusätzlicher radiativer Rückhalt; und dieser zusätzliche Rückhalt wirkt sich auf die Temperatur des Systems aus. Reißt nur ein Glied dieser Kette, dann bricht auch die große Schlussfolgerung zusammen.

 

Auch Callendar konnte im Wesentlichen noch keinen vollständigen neuen Nachweis liefern; sein Beitrag lag eher darin, diese Kette in die Gegenwart zu ziehen und als aktuelle Wirkvermutung zu formulieren. Die These gewann aber über die Jahre an Gewicht, weil für einzelne Glieder dieser Kette nach und nach empirische Stützen hinzukamen: bessere Strahlungsphysik, Messungen steigender atmosphärischer CO2-Konzentrationen, ein verändertes Verständnis des Kohlenstoffkreislaufs und später Satelliten- und Ozeandaten. Damit wurde aus einem einfachen Kettenbeweis schrittweise ein dichteres Beweisnetzwerk. Der Ausfall eines einzelnen Wirkzusammenhangs konnte nun leichter aufgefangen werden, etwa mit dem Hinweis auf unabhängige Messungen oder auf andere stabile Teile der Physik. Dadurch verlor die Vorstellung an Plausibilität, man könne das ganze Konstrukt noch mit einem einzigen Hebel aus den Angeln heben. Der Streit verschwand also nicht. Aber er ließ sich immer weniger auf eine einzige Widerlegung zuspitzen (Callendar, 1938; Weart, o. J.).

 

Das ist wichtig, weil es auch erklärt, warum es nach Ångström keinen einzelnen neuen Ångström mehr gab, der alles auf einen Schlag wieder hätte drehen können. Der Widerspruch blieb vorhanden, nur verteilte er sich auf mehrere Ebenen. Nicht mehr nur: Ist das CO2-Band gesättigt? Sondern auch: Wie belastbar sind die Temperaturdaten? Nimmt der Ozean das zusätzliche CO2 nicht doch weitgehend auf? Wie groß ist die natürliche Variabilität? Welche Rolle spielen Aerosole? Wie stark sind die Rückkopplungen? Der Zweifel wurde komplexer und damit deutlich schwieriger, mit nur einer Studie zu widerlegen.

 

Keeling schließt ein Glied der Kette

 

In den 1950er Jahren bekam die Debatte neuen Schub. Hier wurde der Kohlenstoffkreislauf wichtiger. Besonders oft wird in diesem Zusammenhang die Arbeit von Roger Revelle und Hans Suess aus dem Jahr 1957 genannt. Sie argumentierten gegen die damalige Annahme, die Ozeane würden das zusätzliche CO2 rasch und weitgehend folgenlos aufnehmen. In ihrer Arbeit steht nüchtern, dass der bisherige atmosphärische Anstieg noch klein sei, in den kommenden Jahrzehnten aber erheblich werden könne, wenn die Verbrennung fossiler Brennstoffe weiter exponentiell ansteige. Das war kein Alarmismus im heutigen Sinn. Aber es war auch keine Entwarnung mehr. Die Frage bekam damit einen neuen Status: weg von einer bloßen Spekulation, hin zu einem möglichen realen Akkumulationsproblem (Revelle & Suess, 1957).

 

Kurz davor und kurz danach verschob sich auch die Art der Evidenz. Je mehr sich zeigte, dass der atmosphärische CO2-Gehalt tatsächlich messbar anstieg, desto schwieriger wurde es, das Thema nur als akademische Kuriosität abzutun. Genau hier gehört Charles David Keeling hinein. Seit 1958 wurden am Mauna Loa Observatory hochpräzise CO2-Messungen durchgeführt; daraus entstand die später weltberühmte Keeling-Kurve. Damit wurde ein weiteres Glied der Kette geschlossen: Nicht nur die Physik sprach für einen möglichen Effekt, sondern der atmosphärische CO2-Gehalt stieg tatsächlich. Die spätere Fachgeschichte beschreibt diese Phase deshalb nicht als plötzlichen Triumph, sondern als langsames Umschalten der Wahrnehmung: global warming truly was possible. Das ist bezeichnend. Nicht „bewiesen bis ins Letzte“, sondern: physikalisch und empirisch ernstzunehmen (Weart, o. J.).

 

Stockholm: Nicht das Volk, sondern Åström

 

Mit dieser Kette, bei der längst noch nicht alle Glieder einen belastbaren Wirkzusammenhang hatten, ging es in das Jahr 1972. Ein wichtiger Punkt dieser Geschichte ist die United Nations Conference on the Human Environment in Stockholm 1972. Dort wurde Umwelt erstmals als großes internationales Thema auf die Bühne der Vereinten Nationen gehoben. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf die Vorgeschichte. Denn Stockholm entstand nicht einfach daraus, dass „die UN“ plötzlich ein neues Problem entdeckte. Den Anstoß gab Schweden (United Nations, 1972).

 

Politisch lief der Vorstoß zunächst über die sozialdemokratische Regierung unter Tage Erlander; bei der eigentlichen Konferenz war dann bereits Olof Palme Regierungschef. Der Mann, der den Vorstoß international wirksam machte, war jedoch vor allem Sverker Åström, Schwedens Ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen. Historische Arbeiten zur „schwedischen Initiative“ beschreiben ihn ausdrücklich als die Schlüsselfigur, die aus einem nationalen Problem ein Thema der UN machte. Er war also nicht bloß Überbringer, sondern der eigentliche diplomatische Unternehmer des Vorstoßes. Nicht eine diffuse Weltöffentlichkeit, nicht eine spontane globale Massenbewegung, sondern ein Diplomat an der richtigen Stelle, der verstand, dass man ein neues Problem so formulieren muss, dass internationale Politik überhaupt daran anschließen kann (Schmelzer, 2017; United Nations, 1972).

 

Åström war dafür nicht zufällig der richtige Mann. Er war ein erfahrener Spitzendiplomat des schwedischen Außenministeriums, tief vertraut mit den Abläufen, Empfindlichkeiten und Machtachsen des UN-Systems. Als die Umweltfrage Ende der 1960er Jahre politisch an Schärfe gewann, saß er also genau dort, wo aus einem Gedanken ein Verfahren werden konnte. Und er tat es nicht allein. Auf der wissenschaftlichen und begrifflichen Seite war der zweite zentrale Name Hans Palmstierna. Er war Mikrobiologe, Wissenschaftsvermittler und in Schweden seit 1967 eine der bekanntesten Stimmen des frühen Umweltalarms. Seine Rolle bestand nicht einfach darin, Studien zu lesen, sondern darin, die Vielzahl wissenschaftlicher Warnzeichen überhaupt erst in eine Sprache zu bringen, die Regierung und Diplomatie verwenden konnten. Historische Studien beschreiben gerade dieses Zusammenspiel von Åström und Palmstierna als den Kern der schwedischen Initiative: Palmstierna formulierte das Problem in einer Form, die gesellschaftlich und politisch verständlich war; Åström übersetzte dieses Problem dann in die Sprache der internationalen Ordnung (Schmelzer, 2017).

 

Rückblickend wirkt das fast wie ein Lehrstück darüber, wie neue Themen politisch groß werden. Denn das eigentlich Bemerkenswerte an der Vorgeschichte von Stockholm ist vielleicht gar nicht zuerst die Umweltfrage selbst, sondern der Mechanismus, mit dem sie groß wurde. Eine Warnung wird nicht schon dadurch politisch wirksam, dass sie wahr oder dramatisch ist. Sie muss so formuliert werden, dass andere Akteure an sie anschließen können. Genau dafür hat Luhmann den treffenden Begriff der Anschlussfähigkeit. Kommunikation wird erst dann wirksam, wenn weitere Kommunikation an sie anknüpfen kann. Palmstierna machte aus verstreuten wissenschaftlichen Warnzeichen ein politisch verständliches Problem. Åström machte daraus ein Thema, an das die Vereinten Nationen anschließen konnten. Erst damit wurde aus einer Sorge ein internationales Verfahren (Luhmann, 1997; Meyer, 2019).

 

Das ist deshalb so wichtig, weil es auch die Frage beantwortet, warum die UN und die Staaten überhaupt mitspielten. Nicht, weil plötzlich alle Regierungen überzeugt waren, dass ein neues planetarisches Zeitalter begonnen hatte. Nicht, weil die Bevölkerung auf Weltebene schon mit Macht Druck machte. Und auch nicht, weil die Vereinten Nationen aus eigenem Antrieb immer neue Aufgaben an sich zogen. Die Sache lief nüchterner. Schweden legte das Thema in New York als Regierungsproblem auf den Tisch: als eine Klasse von Schäden, die an Staatsgrenzen nicht Halt machten und sich deshalb nicht sauber als rein nationale Angelegenheit behandeln ließen (United Nations, 1972).

 

Genau an dieser Stelle wird auch das Motiv der Staaten klarer, wenn man es nicht idealistisch, sondern nüchtern liest. Staaten nutzten den internationalen Rahmen, wenn nationale Interessen allein nicht mehr wirksam zu schützen waren. Wer unter verschmutzten Meeren, grenzüberschreitender Luftverschmutzung oder dem Ferntransport von Schadstoffen leidet, kann das Problem national nur begrenzt lösen, wenn der Verursacher außerhalb des eigenen Hoheitsgebiets sitzt. Internationalisierung war aus Sicht der Staaten deshalb kein Akt moralischer Selbstverkleinerung, sondern ein Versuch, eigene Interessen mit anderen Mitteln zu sichern: durch Beobachtung, Regelsetzung, Druck, Vereinbarungen und die politische Isolierung von Verursachern. Global war das Problem also nicht deshalb „gut“, sondern weil man es national nicht in den Griff bekam und weil der internationale Rahmen die Chance bot, andere Staaten in Haftung zu nehmen, ohne allein dazustehen (United Nations, 1972).

 

Das Problem dabei – und für mich der erste Konstruktionsfehler dieses entstehenden globalen Systems – war ein anderes: Solche Organisationen bekamen Reichweite, ohne dass zugleich ein sauberer demokratischer Rückkanal mitgewachsen wäre. Ist eine internationale Behörde oder ein Vertragsregime erst einmal geschaffen, wird sie nur sehr schwer wieder grundsätzlich zur Disposition gestellt. Wer politische Macht aufbaut, muss aber demokratisch kontrollierbar bleiben – bis hin zur Abschaffung. Warum das wichtig ist, werde ich später noch ausführlicher zeigen. Ein Beispiel dafür ist die UNFCCC, die den Begriff „climate change“ in Artikel 1 völkerrechtlich ausdrücklich als Veränderung des Klimas definiert, die direkt oder indirekt menschlicher Aktivität zugeschrieben wird und zusätzlich zur natürlichen Variabilität auftritt. Damit wurde eine bestimmte begriffliche Rahmung international rechtlich fixiert – mit Folgen, die weit über eine bloße Wortwahl hinausgehen (United Nations Framework Convention on Climate Change, 1992).

 

Der Club of Rome: kein Volksaufstand, sondern ein Deutungsangebot

 

Und genau hier passt dann auch der Club of Rome in die Geschichte – nur eben nicht als Auslöser, sondern als Verstärker. The Limits to Growth erschien 1972, also zu einem Zeitpunkt, als Schweden die UN-Initiative schon Jahre zuvor angestoßen und die Stockholmer Konferenz längst auf den Weg gebracht hatte. Der Club of Rome verlieh dem Thema dann enorme symbolische Wucht, weil er Umwelt, Ressourcen, Wachstum und Zukunft in eine Form brachte, die weit über Verwaltung, Diplomatie und Wissenschaft hinauswirkte. Erst dadurch, zusammen mit den bereits sichtbaren Umweltproblemen und den neuen Umweltbewegungen, bekam die Frage in der breiteren Öffentlichkeit den großen Resonanzraum, den man heute leicht rückwirkend schon für die späten 1960er Jahre annimmt (Schmelzer, 2017).

 

Wer oder was war dieser Club of Rome eigentlich? Sicher keine spontane Bürgerbewegung. Gegründet wurde er 1968 von Aurelio Peccei, einem italienischen Industriellen, und Alexander King, damals Leiter für Wissenschaftsfragen bei der OECD. Schon diese beiden Namen sagen viel. Peccei kam aus der Welt internationaler Industrie und Unternehmensführung, King aus der Welt westlicher Wissenschaftsverwaltung und Politikberatung. Die Forschung beschreibt die frühen Wurzeln des Club of Rome ausdrücklich als in den Korridoren der OECD entstanden. Das zeigt sehr klar: Hier handelte es sich nicht um eine von unten gewachsene Umweltbewegung, sondern um ein transnationales Elitenetzwerk aus Industriellen, Wissenschaftlern, Beamten, Politikberatern und internationalen Funktionären (Schmelzer, 2017).

 

Gerade deshalb ist für mich die Motivfrage so interessant. Die offizielle Selbstdarstellung spricht von der predicament of mankind, also von der verflochtenen Lage der Menschheit: Bevölkerungswachstum, Ressourcenverbrauch, Verschmutzung, Armut, Technikfolgen, globale Instabilität. Das klingt humanistisch. Aber das erklärt noch nicht, warum gerade Leute aus Industrie, OECD und strategischer Planung dieses Thema so massiv nach vorn trieben. Wer aus solchen Institutionen kommt, denkt nicht zuerst in Moral, sondern in Steuerbarkeit. Genau deshalb erscheint mir ein Motiv plausibel, das man in den offiziellen Selbstbeschreibungen naturgemäß nur indirekt findet: Wer Knappheit, Wachstumsgrenzen und Systemstress früh erkennt, denkt fast zwangsläufig auch darüber nach, wie Gesellschaften darauf reagieren werden. Nicht nur wirtschaftlich, sondern politisch. Nicht nur materiell, sondern sozial. Der Club of Rome wollte deshalb nicht bloß analysieren, sondern Wahrnehmung verschieben. Regierungen und Öffentlichkeit sollten lernen, Grenzen, Risiken und politischen Steuerungsbedarf als neue Realität zu akzeptieren. Das ist weniger plump als offene Manipulation. Aber es ist deutlich mehr als bloße Wissenschaft. Und es ist plausibel anzunehmen, dass zu dieser systemischen Sicht auch ein pädagogisch-politisches Motiv gehörte: Gesellschaften auf Grenzen und Teuerung einzustellen, bevor Engpässe und Krisen politisch explosiv werden (Schmelzer, 2017).

 

Was stand nun in The Limits to Growth? Das Buch war ein Bericht des MIT-Teams um Donella und Dennis Meadows für den Club of Rome. Mit dem World3-Modell wurden Szenarien gerechnet, in denen Größen wie Bevölkerung, Industrieproduktion, Nahrungsmittel, Ressourcen und Verschmutzung miteinander gekoppelt wurden. Die Kernbotschaft war einfach und wirkmächtig: Exponentielles Wachstum auf einem endlichen Planeten kann nicht unbegrenzt weitergehen; wenn die damaligen Trends bei Bevölkerung und Wirtschaft fortgeschrieben würden, könnten ökologische und Ressourcen-Grenzen im 21. Jahrhundert zu schweren Einbrüchen führen (Schmelzer, 2017).

 

Der Impact des Buches war enorm. Es wurde zu einem internationalen Bestseller, millionenfach verbreitet und in viele Sprachen übersetzt. Vor allem aber verschob das Buch den öffentlichen Horizont. Von da an ließ sich über Umwelt nicht mehr nur als Frage von Rauch, Abwasser und lokalem Dreck sprechen, sondern als Frage von Grenzen des Wachstums, von Endlichkeit, von Zukunftspfaden ganzer Gesellschaften. Genau darin lag seine enorme Wirkung. Das Buch war nicht nur ein Bericht. Es war ein Deutungsangebot für eine ganze Epoche (Schmelzer, 2017).

 

Allein: Viele populäre Lesarten der damaligen Prognosen trafen so einfach nicht ein. Ein simples „bald ist alles aufgebraucht“ hat sich nicht bewahrheitet. Technischer Fortschritt, neue Funde, Substitution, Effizienzsteigerungen und Marktreaktionen haben etliche unmittelbare Verknappungsszenarien entschärft. Aber die Kernbotschaft blieb erstaunlich stabil: Wachstum überhaupt als begrenztes und damit politisch steuerungsbedürftiges System zu rahmen. Genau das ist ein in Politik und Medien keineswegs seltener Mechanismus. Eine Botschaft wird mit großem Tamtam in die Öffentlichkeit getragen, mit starken Bildern, starken Worten und maximaler Dringlichkeit. Später zerfallen einzelne Details, Prognosen werden abgeschwächt, Zeiträume verschoben, Kausalitäten relativiert. Aber der harte Kern bleibt im öffentlichen Gedächtnis oft beinahe in seiner ursprünglichen Schärfe stehen. Genau deshalb ist die erste große Erzählung fast immer mächtiger als ihre spätere Einschränkung.

 

Einschub: Für diesen Mechanismus gibt es in der Literatur durchaus Namen. In der Psychologie spricht man vom continued influence effect oder von belief perseverance: Eine einmal stark gesetzte Deutung wirkt weiter, auch wenn spätere Korrekturen einzelne Teile abschwächen. Auf gesellschaftlicher Ebene passt dazu die social amplification of risk: Risiken werden durch Medien, Institutionen und Netzwerke so verstärkt, dass der Deutungsrahmen stabil bleibt, selbst wenn Details später brüchig werden. Genau das macht solche Botschaften politisch so wirksam. Sie leben nicht nur von Daten, sondern von ihrer Anschlussfähigkeit an vorhandene Ängste, moralische Intuitionen und innere Bilder (Ecker et al., 2022; Hey et al., 2025; Kasperson et al., 1988).

 

Man kennt dieses Muster auch aus anderen Debatten. Nicht immer in derselben Stärke, aber in derselben Form: Waldsterben, Bevölkerungsexplosion, atomare Endzeitbilder, später auch Y2K. Die Details ändern sich, Fristen verrutschen, einzelne Prognosen treffen nicht sauber ein – aber das Grundbild bleibt. Es setzt sich fest, weil es nicht nur als Satz, sondern als Bild gespeichert wird: sterbende Wälder, gekippte Seen, tote Flüsse, verölte Küsten, schwarze Schlote, überfüllte Städte, Hunger, Mangel, Zerfall. Solche Bilder arbeiten tiefer im Gedächtnis als jede spätere Fußnote. Wer einmal gelernt hat, Wachstum mit Erschöpfung, Verbrauch und drohendem Kollaps zu verknüpfen, trägt diese Grundfigur oft weiter, auch wenn einzelne Begründungen später brüchig werden. Gerade bei Themen, die als moralisch aufgeladen, bedrohlich und identitätsrelevant erlebt werden, verstärkt sich dieser Effekt noch einmal (Ecker et al., 2022; Kasperson et al., 1988; Traberg et al., 2024).

 

Für meinen roten Faden ist daran vor allem eines wichtig: Nicht die Bevölkerung brachte das Thema zuerst nach oben. Erst kamen Experten, Diplomaten, Regierungsakteure und elitäre Netzwerke wie der Club of Rome. Erst danach kam der große öffentliche Resonanzraum. Wenn man das einmal gesehen hat, liest sich die frühe Umwelt- und Klimageschichte anders. Dann beginnt sie nicht als spontaner Volkswille, sondern als eine Serie erfolgreicher Übersetzungen: von wissenschaftlichen Warnungen in Regierungssprache, von Regierungssprache in UN-Verfahren und von dort schließlich in eine breitere öffentliche Erzählung. Genau deshalb war der Club of Rome so wirksam. Er gab einer bis dahin eher verwaltungsnahen und wissenschaftlichen Problemlage eine Form, die sich massenmedial verbreiten ließ: Grenzen, Knappheit, Überlastung, Vergiftung, Zerfall. Plötzlich standen nicht mehr nur Messreihen und Fachaufsätze im Raum, sondern Bilder von erschöpften Böden, verdorrten Landschaften, kollabierenden Versorgungssystemen, schmutzigen Städten, sterbenden Wäldern und einer Zukunft, in der Wohlstand nicht mehr wächst, sondern bröckelt. Und erst damit begann die Bevölkerung in größerem Maßstab wirklich mitzuschwingen.

 

An dieser Stelle drängt sich noch eine andere Frage auf, die ich hier bewusst nur streife: Warum werden gerade Themen wie Umwelt, Klima oder Migration so schnell moralisch aufgeladen, emotional zugespitzt und sozial verengt? Warum bilden sich dazu so wirkmächtige Netzwerke aus Aktivisten, Medienakteuren, Experten und politischen Verstärkern? Und warum lässt ein demokratisches System Debatten zu, in denen Zweifel sozial oft härter sanktioniert werden als Irrtum? Das ist ein eigenes Thema. Ich werde darauf später gesondert zurückkommen. Für den Moment reicht mir hier ein einfacherer Punkt: Solche Deutungsangebote wirken nicht nur über Daten, sondern über Moral, Bedrohungsgefühle, Identität und Bilder. Gerade deshalb prägen sie das öffentliche Gedächtnis oft stärker als spätere Korrekturen.

 

Der Streit ist noch gar nicht zu Ende

 

Und genau hier lohnt es sich, für diesen Teil erst einmal einen Schnitt zu machen. Denn wir sind nun weit gekommen: vom frühen Streit zwischen Arrhenius und Ångström über Callendar, Keeling, Stockholm und den Club of Rome bis zu dem Punkt, an dem aus einer wissenschaftlich noch lückenhaften Kette ein politisch und medial wirksames Beweisnetzwerk wurde. Aber ein entscheidendes Glied dieses Netzwerks stand bis zum Ende der 1970er Jahre noch immer auf vergleichsweise tönernen Füßen. Denn wenn man alle historischen Schichten, Institutionen, Bilder und politischen Übersetzungen einmal abträgt, bleibt am Ende eine recht einfache Frage übrig: Wirkt zusätzliches CO2 in einer Atmosphäre, in der starke Absorptionsbereiche bereits besetzt sind, überhaupt noch nennenswert? Genau genommen war Ångström in diesem Punkt damals noch nicht wirklich widerlegt. Und genau diesen alten Kern des Disputs müssen wir uns im nächsten Teil genauer ansehen. Dort geht es dann nicht mehr in erster Linie um Institutionen, Netzwerke und öffentliche Wirkung, sondern um den physikalischen Mechanismus selbst.

 

Literatur

 
Callendar, G. S. (1938). The Artificial Production of Carbon Dioxide and Its Influence on Temperature. Quarterly Journal of the Royal Meteorological Society, 64(275), 223–240. https://doi.org/10.1002/qj.49706427503
 
Ecker, U. K. H., Lewandowsky, S., Cook, J., Schmid, P., Fazio, L. K., Brashier, N., Kendeou, P., Vraga, E. K., & Amazeen, M. A. (2022). The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction. Nature Reviews Psychology, 1(1), 13–29. https://doi.org/10.1038/s44159-021-00006-y
 
Hey, C. V., et al. (2025). Relative source credibility affects the continued influence effect. Acta Psychologica, 254, 104660. https://doi.org/10.1016/j.actpsy.2024.104660
 
Kasperson, R. E., Renn, O., Slovic, P., Brown, H. S., Emel, J., Goble, R., Kasperson, J. X., & Ratick, S. (1988). The Social Amplification of Risk: A Conceptual Framework. Risk Analysis, 8(2), 177–187. https://doi.org/10.1111/j.1539-6924.1988.tb01168.x
 
Luhmann, N. (1997). Die Gesellschaft der Gesellschaft. Suhrkamp.
 
Meyer, J. (2019). Der Exklusionsbegriff in der Systemtheorie Niklas Luhmanns. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-24804-1
 
Revelle, R., & Suess, H. E. (1957). Carbon Dioxide Exchange Between Atmosphere and Ocean and the Question of an Increase of Atmospheric CO2 During the Past Decades. Tellus, 9(1), 18–27. https://doi.org/10.3402/tellusa.v9i1.9075
 
Schmelzer, M. (2017). „Born in the Corridors of the OECD“: The Forgotten Origins of the Club of Rome, Transnational Networks, and the 1970s in Global History. Journal of Global History, 12(1), 26–48. https://doi.org/10.1017/S1740022816000322
 
Traberg, C. S., Harjani, T., Roozenbeek, J., & van der Linden, S. (2024). The persuasive effects of social cues and source effects on misinformation susceptibility. Scientific Reports, 14, 4205. https://doi.org/10.1038/s41598-024-54030-y
 
United Nations. (1972). United Nations Conference on the Human Environment (Stockholm, 1972). https://www.un.org/en/conferences/environment/stockholm1972
 
United Nations Framework Convention on Climate Change. (1992). United Nations Framework Convention on Climate Change. https://unfccc.int/resource/docs/convkp/conveng.pdf
 
Weart, S. R. (o. J.). The Discovery of Global Warming. American Institute of Physics. Abgerufen https://history.aip.org/climate/
Back to blog