Klima, Teil 13: Wenn der Worst Case zum Normalfall wird

Klima, Teil 13: Wenn der Worst Case zum Normalfall wird

Der Tag, an dem das Feuer ein negatives Gewicht bekam

 

Europa, gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts. In einem Labor steht eine Waage. Auf der einen Seite liegt ein Stück Metall, auf der anderen die Theorie des Phlogistons. Noch hält die Theorie sich für schwerer. Die Grundregel ist schnell erzählt: Alles, was brennt, enthält Phlogiston. Beim Verbrennen entweicht es. Die Flamme ist sein Abschied, der Rauch sein Reisegepäck und die Asche das, was nach der Abreise übrig bleibt. Das klingt vernünftig. Holz wird weniger, Kohle verschwindet, Kerzen schmelzen dahin. Niemand benötigt dafür Sauerstoff, Oxidation oder eine Tabelle voller Elemente. Das Feuer nimmt, der Stoff verliert. Ende der Vorlesung.

 

Auch die neuen Luftarten bereiten zunächst keine unlösbaren Schwierigkeiten. Eine Luft, in der eine Kerze besonders hell brennt, ist eben dephlogistisiert: Sie kann besonders viel Phlogiston aufnehmen. Eine Luft, in der die Flamme erlischt, ist bereits phlogistisiert und damit gewissermaßen voll. Das System funktioniert. Je mehr verschiedene Gase entdeckt werden, desto mehr unterschiedliche Zustände des Phlogistons lassen sich benennen.

 

Dann füllt jemand Zinn in eine gläserne Retorte und erhitzt das Metall über längere Zeit. Zinn brennt dabei nicht mit einer hellen Flamme wie Holz oder Kohle. Seine Oberfläche reagiert vielmehr mit einem Bestandteil der umgebenden Luft. Das glänzende Metall überzieht sich nach und nach mit einer matten, erdigen Schicht: Zinncalx, wie man damals sagte – heute Zinnoxid. Nach der Phlogistontheorie müsste das Zinn bei diesem Vorgang Phlogiston abgeben. Der zurückbleibende Calx müsste folglich leichter sein als das ursprüngliche Metall. Der Assistent lässt das Gefäß abkühlen, öffnet es und legt den Calx auf die Waage – er ist schwerer.

 

Vielleicht, erklärt jemand, sei Phlogiston außerordentlich leicht. Vielleicht besitze es sogar eine negative Schwere. Wenn ein Stoff Phlogiston verliere, könne er deshalb schwerer werden. Das sei keineswegs ein Widerspruch, sondern lediglich eine Eigenschaft des Phlogistons, die man bisher noch nicht ausreichend gewürdigt habe.

 

Dann erscheint Lavoisier und begeht die eigentliche Unhöflichkeit. Er verschließt das mit Zinn und Luft gefüllte Gefäß vor der Erhitzung und wiegt danach nicht nur das Metall, sondern das gesamte geschlossene System. Er behandelt die Luft nicht als leere Bühne, sondern als beteiligten Stoff. Die Gesamtmasse des verschlossenen Gefäßes bleibt unverändert. Das Zinn gewinnt nur deshalb an Masse, weil es einen Bestandteil der eingeschlossenen Luft bindet. Nach dem Abkühlen strömt beim Öffnen sogar neue Luft in das Gefäß: Was im Inneren fehlt, ist nicht rätselhaftes Phlogiston, sondern ein messbarer Teil der zuvor vorhandenen Luft.

 

Die alte Theorie fällt dennoch nicht sofort. Sie besitzt Lehrbücher, Begriffe, Experimente, angesehene Verteidiger und den unschätzbaren Vorteil, dass fast jeder bekannte Befund bereits in ihrer Sprache beschrieben wurde. Also wird angepasst, unterschieden und ergänzt. Phlogiston wird leichter, abstrakter und schwerer greifbar. Je weniger man es messen kann, desto mehr Aufgaben übernimmt es. Es erklärt Brennbarkeit, Reduktion, Atmung und die verschiedenen Zustände der Luft. Der Begriff wird nicht trotz seiner Unbestimmtheit nützlich, sondern zunehmend durch sie. Doch am Ende verschwindet die Phlogistontheorie. Sie wird nach und nach überflüssig. Die neue Chemie misst genauer, bilanziert vollständiger und benötigt für dieselben Vorgänge weniger unsichtbare Hilfsgrößen. Die alte Sprache verliert ihre Aufgaben, einen Begriff nach dem anderen.

 

Theorien sterben selten, sobald der erste Messwert widerspricht. Sie sterben, wenn ihre Zusatzannahmen mehr Arbeit verursachen als die Erklärung, die sie retten sollen – und wenn eine neue Generation gelernt hat, dieselben Versuche in einer anderen Sprache zu sehen.

 

Die Geschichte hier ist fiktiv und verkürzt, enthält aber eine historische Wahrheit: Die Phlogistontheorie hielt sich deshalb so lange, weil sie fast jedes Messergebnis in ihre eigene Sprache übersetzen und somit deuten konnte. Genau darin liegt die Gefahr elastischer Deutungssysteme: Solange jeder Widerspruch einen neuen Hilfsbegriff erzeugt, erscheint die Theorie niemals eindeutig falsch – sie wird nur immer komplizierter. Erst wenn Messung und Bilanz wieder Vorrang vor der Rettung des Deutungsrahmens erhalten, wird sichtbar, ob eine angenommene Größe tatsächlich einen physikalischen Vorgang erklärt oder lediglich den rechnerisch verbleibenden Rest verwaltet. Genau diese Frage stellt sich im Folgenden für den globalen Feedbackparameter α.

 

Warum die IPCC-Gleichung keine belastbare Klimaprognose liefert

 

Im letzten Teil, dem Kern der IPCC-Argumentation, zeigte sich deutlich: Je weiter sich die Erklärung der Temperaturentwicklung von den unmittelbar beobachtbaren Energieflüssen entfernt und je stärker sie von Definitionen, Modellversuchen und Annahmen über deren Übertragbarkeit abhängt, desto ungeeigneter wird sie für eine realistische Schätzung von Klimasensitivität und zukünftiger Temperaturentwicklung. Denn die reale Strahlungsbilanz an der Obergrenze der Atmosphäre ist eine physikalische Identität:

 

N=ASR-OLR

 

beziehungsweise für Veränderungen:

 

ΔN=ΔASR-ΔOLR

 

ASR ist die absorbierte kurzwellige Sonnenstrahlung, OLR die ausgehende langwellige Wärmestrahlung, N die Nettoenergieaufnahme des Erdsystems. Diese Gleichung beschreibt unmittelbar, ob und warum sich die Bilanz verschiebt: durch mehr absorbierte Sonnenstrahlung, weniger abgegebene Wärmestrahlung oder beides. Seit März 2000 liegen mit CERES EBAF getrennte, kalibrierte Reihen für beide Größen vor. Damit lässt sich die Aufteilung der Veränderung direkt prüfen (Loeb et al., 2018).

 

Das Forcing-Feedback-Framework legt über diese Bilanz ein zusätzliches Diagnosemodell, das mit direkt gemessenen Einzelgrößen wenig, mit berechneten und diagnostizierten Größen dagegen sehr viel zu tun hat:

 

ΔN≈ΔF-αΔT

 

Hier wird die beobachtete oder simulierte Nettoänderung in einen temperaturunabhängigen Antriebsanteil ΔF und eine mit der globalen Mitteltemperatur skalierende Strahlungsantwort αΔT zerlegt. Die Gleichung ist keine weitere Messung, sondern eine Abschätzung von Wirkung und Reaktion. Sie setzt voraus, dass sich die globale Strahlungsantwort für den betrachteten Zeitraum näherungsweise durch einen konstanten Antrieb und einen hinreichend stabilen linearen Temperaturterm darstellen lässt. Die getrennten CERES-Verläufe von ASR und OLR zeigen jedoch, dass die reale Strahlungsentwicklung zeitlich und prozessbezogen erheblich komplexer verläuft, als es ein konstantes globales α nahelegt.

 

Von der Strahlungsantwort zum rückgerechneten α

 

Der Parameter α entsteht in der Praxis vor allem aus der Gregory-Methode (Gregory et al., 2004): In Modellversuchen mit sprunghaftem, konstantem Antrieb (z. B. abrupter CO₂-Vervierfachung) werden ΔN und ΔT gegeneinander aufgetragen und über eine Gerade angepasst. Der Achsenabschnitt liefert F, die Steigung -α.

 

α ist damit ein diagnostischer globaler Koeffizient, der den zeitlichen Verlauf zweier globaler Mittelwerte zu einer einzigen Kennzahl verdichtet. Räumliche, vertikale und prozessbezogene Informationen – Wolken, Wasserdampf, Temperaturprofile, Eis, Albedo, Ozeanwärmeaufnahme – verschwinden in dieser Zahl. Genau hier liegt das Problem: Die globale Mitteltemperatur enthält keine Information darüber, wo die Erwärmung stattfindet. Verändert sich das Erwärmungsmuster, verändert sich auch das diagnostizierte α (Armour et al., 2013) – selbst wenn das Energieungleichgewicht dadurch erklärt werden kann, dass mehr kurzwellige Strahlung absorbiert wird.

 

Hinzu kommt ein Identifikationsproblem. Aus einem einzelnen Wertepaar von ΔN und ΔT lassen sich ΔF und α nicht unabhängig bestimmen. Auch aus Beobachtungszeitreihen gelingt ihre Trennung nur unter zusätzlichen Annahmen – insbesondere einem konstanten Forcing und einer hinreichend stabilen linearen Beziehung. Wird ΔF von außen vorgegeben, folgt α rechnerisch aus α = (ΔF − ΔN) / ΔT. Dabei muss zwischen Diagnose und anschließender Anwendung unterschieden werden. Wird α aus vorgegebenem F, N und T rückgerechnet, kann ein höheres F auch ein höheres diagnostiziertes α erzeugen. Wird die Klimasensitivität anschließend aus ECS = F2×CO₂ / α berechnet, erhöht dagegen ein größeres F2×CO₂ den Zähler, während ein kleineres α den Nenner verringert. In dieser zweiten Anwendung wirken beide Annahmen gemeinsam erwärmungsverstärkend.

 

Bei der Klimasensitivität kehrt sich die Logik um:

 

ECS = F2×CO / α

 

Sowohl ein hoch angesetztes Forcing als auch ein niedrig angesetztes α treiben die Sensitivität nach oben. Die Gleichung enthält kein inneres Korrektiv, das prüft, ob Forcing, stabilisierende Reaktion oder Temperaturentwicklung unabhängig richtig bestimmt wurden. Sie stellt nur sicher, dass die eingesetzten Größen rechnerisch zusammenpassen. Der AR6 bewertet den effektiven Strahlungsantrieb einer CO₂-Verdopplung mit 3,93 ± 0,47 W/m² und den Netto-Feedbackparameter mit 1,16 ± 0,40 W/m²/K. Der bloße Quotient der Zentralwerte läge bei rund 3,4 °C. Die zentrale AR6-Schätzung der ECS von 3,0 °C wird jedoch nicht allein aus diesem Quotienten gewonnen, sondern aus einer Synthese mehrerer Beweislinien, darunter Prozessverständnis, historische Erwärmung, Paläoklima, Modellläufe und beobachtungsbasierte Einschränkungen (Forster et al., 2021). Diese Werte entstehen aus einer Synthese von Strahlungstransferrechnungen, Modellläufen, Adjustments und radiativen Kerneln. Die Abgrenzung schneller Adjustments innerhalb des Forcing-Feedback-Frameworks beschreiben Sherwood et al. (2015); die Zerlegung modellierter Strahlungsreaktionen mit radiativen Kerneln ist bei Soden et al. (2008) dargestellt. Viele Teilgrößen werden aus simulierten Modellzuständen diagnostiziert. Eine solche Konstruktion kann mathematisch geschlossen und intern konsistent sein – und dennoch die beobachtete Aufteilung von ASR und OLR verfehlen. Sie kann die richtige Nettosumme aus den falschen Einzelgrößen erzeugen. Genau deshalb genügt die Übereinstimmung von N nicht.

 

Die idealisierte Beziehung ΔN = F − αΔT und ihre Anwendung in ECS = F2×CO2 / α sind weder ein Naturgesetz noch ein Beweis für eine bestimmte Klimasensitivität. Sie fassen die entscheidenden physikalischen Vorgänge in einem rückgerechneten Globalparameter zusammen. Entscheidend ist die strukturelle Eigenschaft der Formel: Ein höheres Forcing im Zähler und ein kleineres α im Nenner treiben die berechnete Sensitivität in dieselbe Richtung. Die Gleichung erzwingt lediglich rechnerische Konsistenz. Sie prüft nicht, ob das Forcing zu groß, die stabilisierende Reaktion zu klein oder beides gleichzeitig unzutreffend angesetzt wurde. Genau deshalb lädt sie dazu ein, die Aussagekraft des Ergebnisses zu überschätzen – und macht es leicht, hohe Klimasensitivitäten innerhalb des Frameworks widerspruchsfrei erscheinen zu lassen. Sie darf deshalb nicht an die Stelle der getrennten Prüfung von ASR, OLR, Temperatur und Energieaufnahme treten.

 

Die SSP-Szenarien

 

Bis zu diesem Punkt lässt sich die Vorgehensweise noch halbwegs mit dem bereits beschriebenen Auftrag des IPCC erklären: Es soll mögliche langfristige Klimaentwicklungen untersuchen und muss dazu zwangsläufig mit Modellen, Vereinfachungen und unsicheren Parametern arbeiten. Dass die verwendete Vorgehensweise dazu neigt, die Reaktion des Klimas auf Veränderungen dramatisch zu überschätzen, ist unschön, lässt sich aber noch aus der historischen Entwicklung des Ansatzes und der unzureichenden Einbeziehung neuer Messungen erklären. Bis zu einem gewissen Punkt kann das noch als wissenschaftliche Trägheit gelten: Ein über Jahrzehnte entwickeltes und institutionell verankertes Framework wird nicht sofort aufgegeben, nur weil neue Messungen seine Grenzen deutlicher sichtbar machen. Problematisch wird es jedoch, wenn aus solchen bedingten Modellrechnungen eine öffentliche Risikobotschaft für Politik und Medien entsteht, ohne die Voraussetzungen, Unsicherheiten und Grenzen ebenso deutlich auszuweisen wie die Ergebnisse.

 

Genau dieser Schritt erfolgte mit den SSP-Szenarien, die prominent in die Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger aufgenommen wurden. Nun wurde nicht mehr nur eine unsichere Klimareaktion modelliert. Die berechnete Temperaturreaktion auf steigende Treibhausgaskonzentrationen wurde vielmehr mit hypothetischen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen bis zum Jahr 2100 verknüpft und als Reihe scheinbar geschlossener Wenn-dann-Verläufe dargestellt. Die daraus abgeleiteten Temperatur-, Niederschlags- und Meeresspiegelverläufe waren keine Prognosen im üblichen Sinne und schon gar keine Extrapolation gemessener Trends. Es waren bedingte Modellprojektionen: Wenn sich Emissionen, Landnutzung, Energieversorgung und atmosphärische Konzentrationen entsprechend einem vorgegebenen Pfad entwickeln und wenn die Modelle die Klimareaktion zutreffend abbilden, dann ergeben sich die dargestellten Verläufe. Gerade diese doppelte Bedingtheit trat in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch weit hinter den konkreten Temperaturwerten, Karten und Risikodarstellungen zurück.

 

Verschärfend kam hinzu, dass die Szenarien in der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger nebeneinandergestellt wurden, ohne ihnen quantifizierte Eintrittswahrscheinlichkeiten zuzuordnen. Dadurch konnte ausgerechnet SSP5-8.5 – ein sehr hohes Emissionsszenario mit bis zum Jahrhundertende stark steigenden Emissionen – außerhalb des Berichts leicht als bloßes „Weiter so“ verstanden und zur vorherrschenden Zukunftserzählung gemacht werden. Der AR6 selbst ordnet SSP5-8.5 als Szenario mit sehr hohen Emissionen ein; der spätere Synthesebericht hält zudem fest, dass solche sehr hohen Emissionspfade inzwischen weniger wahrscheinlich geworden sind, auch wenn sie nicht vollständig ausgeschlossen werden. Aus einer bedingten Hochendprojektion wurde so in der öffentlichen Kommunikation vielfach ein scheinbar zu erwartender Verlauf. Die Voraussetzungen blieben im Hintergrund, während die dramatischsten Ergebnisse die Schlagzeilen bestimmten. Unsicherheit wurde damit nicht angemessen erklärt, sondern kommunikativ in Dringlichkeit verwandelt – und die bereits im Forcing-Feedback-Framework angelegte Gefahr der Überschätzung durch eine weitere Schicht spekulativer Annahmen erheblich verstärkt.

 

Die fünf Pfade des AR6

 

 

Abbildung 14.1: Überblick über die fünf SSP-Szenarien des AR6. Quelle: Climate Systems Hub, National Environmental Science Program (2024), CC BY 4.0; hier nach der Darstellung im Victoria’s Climate Science Report 2024.

 

Die Bezeichnungen der fünf Szenarien verbinden jeweils zwei unterschiedliche Ebenen. Die erste Zahl steht für eine angenommene gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung, die zweite für den daraus bis 2100 berechneten Strahlungsantrieb in W/m². SSP2-4.5 bezeichnet also die Kombination einer bestimmten Zukunftserzählung mit einem vorgegebenen Antriebsniveau. Auf dieser Grundlage berechnen die Klimamodelle anschließend die zugehörigen Temperatur-, Niederschlags- und Meeresspiegelverläufe (IPCC, 2021; 2023).

 

SSP1-1.9 – sehr niedrige Emissionen. SSP1 trägt den Titel „Sustainability – Taking the Green Road“. Angenommen werden internationale Zusammenarbeit, sinkende Ungleichheit, hohe Bildungs- und Gesundheitsinvestitionen, geringerer Material- und Energieverbrauch sowie ein rascher technischer Umbau. Für SSP1-1.9 wird diese Grundgeschichte mit äußerst starker Klimapolitik verbunden. Die globalen CO₂-Emissionen sinken sehr schnell, erreichen ungefähr um 2050 netto null und werden danach netto negativ. Dazu sind umfangreiche Verfahren zur Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre erforderlich. Der Pfad wurde so konstruiert, dass der Strahlungsantrieb 2100 ungefähr 1,9 W/m² beträgt und die modellierte Erwärmung nach einem vorübergehenden Überschreiten wieder in Richtung 1,5 °C sinkt. Der AR6 nennt für 2081–2100 einen Zentralwert von 1,4 °C gegenüber 1850–1900.

 

SSP1-2.6 – niedrige Emissionen. SSP1-2.6 verwendet dieselbe Nachhaltigkeitsgeschichte, verlangt jedoch weniger schnelle und weniger weitreichende Emissionsminderungen. Die CO₂-Emissionen erreichen ungefähr nach 2050 netto null und werden anschließend nur begrenzt negativ. Der Strahlungsantrieb soll sich gegen Ende des Jahrhunderts bei ungefähr 2,6 W/m² stabilisieren. Der AR6 gibt für 2081–2100 einen Zentralwert der Erwärmung von 1,8 °C an. Auch dieser Wert ist kein direkt aus dem Emissionspfad hervorgehendes Messergebnis, sondern die mit der bewerteten Klimareaktion berechnete Temperaturantwort.

 

SSP2-4.5 – mittlere Entwicklung. SSP2 heißt „Middle of the Road“. Die bisherige globale Entwicklung setzt sich in ihren Grundzügen fort. Es gibt technischen Fortschritt und Klimaschutz, aber weder einen grundlegenden weltweiten Nachhaltigkeitsumbau noch eine Rückkehr zu ungebremstem fossilem Wachstum. Unterschiede zwischen Ländern bleiben bestehen, Bevölkerung und Einkommen entwickeln sich ungefähr im mittleren Bereich der zugrunde gelegten Projektionen. Die CO₂-Emissionen bleiben zunächst etwa auf heutigem Niveau, sinken später und erreichen bis 2100 nicht netto null. Der resultierende Strahlungsantrieb beträgt ungefähr 4,5 W/m². Der AR6 berechnet daraus für 2081–2100 einen Zentralwert von 2,7 °C.

 

SSP3-7.0 – regionale Rivalität. SSP3 trägt die Bezeichnung „Regional Rivalry – A Rocky Road“. Angenommen wird eine stärker fragmentierte Welt mit schwächerer internationaler Zusammenarbeit, Handelshemmnissen, langsamem technischen Fortschritt, hohen Bevölkerungszahlen in ärmeren Regionen und stärkerer Ausrichtung auf nationale Energie- und Versorgungssicherheit. Die Emissionen steigen über weite Teile des Jahrhunderts weiter. Besonders wichtig sind in diesem Szenario nicht nur hohe CO₂-Emissionen, sondern auch hohe Methan-, Lachgas- und Luftschadstoffemissionen. Der Strahlungsantrieb erreicht ungefähr 7,0 W/m²; der AR6 berechnet daraus für 2081–2100 einen Zentralwert von 3,6 °C.

 

SSP5-8.5 – fossil angetriebene Entwicklung. SSP5 heißt „Fossil-fuelled Development – Taking the Highway“. Es wird eine Welt mit sehr hohem Wirtschaftswachstum, raschem technischen Fortschritt, hohem Energieverbrauch und starker Nutzung fossiler Energieträger angenommen. Gleichzeitig sinkt das Bevölkerungswachstum langfristig, und die Gesellschaft verfügt über erhebliche technische und wirtschaftliche Anpassungskapazitäten. Die CO₂-Emissionen steigen außergewöhnlich stark und verdoppeln sich nach der Beschreibung des AR6 ungefähr bis 2050 gegenüber dem Ausgangsniveau. Der Strahlungsantrieb erreicht gegen 2100 etwa 8,5 W/m². Daraus berechnet der AR6 für 2081–2100 einen Zentralwert von 4,4 °C.

 

Warum die Wenn-dann-Kette mehr verbirgt als erklärt

 

Die hier aufgezählten SSP-Projektionen bilden jedoch ihre Wenn-dann-Bedingungen nicht realistisch ab, weil zwischen dem angenommenen Gesellschaftspfad und der ausgewiesenen Temperatur mehrere unsichere Rechenschritte liegen. Werden dabei hohe Emissionen, ein hoher Antrieb und eine starke Klimareaktion miteinander kombiniert, können sich die jeweiligen Hochendannahmen in derselben Richtung verstärken.

 

Erstens wird bereits der CO₂-Antrieb hoch angesetzt. Der AR6 bewertet das effektive Forcing einer CO₂-Verdopplung mit 3,93 W/m². Unsere hier dokumentierte All-Sky-Rechnung mit MODTRAN ergibt für den unmittelbar berechneten Strahlungseffekt dagegen 2,48 W/m². Beide Werte sind nicht definitionsgleich: Der AR6-Wert enthält schnelle Anpassungen, während die MODTRAN-Rechnung den Strahlungstransfer unter festgelegten atmosphärischen Bedingungen bestimmt. Gerade diese Differenz ist jedoch entscheidend. Der zusätzliche Abstand entsteht nicht durch eine unmittelbare globale Messung, sondern durch die modellgestützte Zuordnung weiterer Reaktionen zum effektiven Forcing. Der Vergleich zeigt genau, an welcher Stelle zusätzliche Modellannahmen den angesetzten Antrieb erhöhen.

 

Zweitens wird auf diesen bereits hohen Antrieb eine starke Klimareaktion aufgesetzt. Der AR6 verbindet den Antrieb mit einem schwachen stabilisierenden Nettofeedback und gelangt so zu einer zentralen ECS von etwa 3 °C bei Verdoppelung von CO₂. Unsere bisherigen Berechnungen ergeben für Antrieb und Rückkopplungen zusammen dagegen eine wesentlich geringere Wirkung. Hinzu kommen die beschriebenen Probleme mit dem Feedbackparameter α.

 

Drittens bestätigen die CERES-Messungen keine einfache konstante Strahlungsantwort. In den hier zuvor ausgewerteten CERES-Reihen wurde die Zunahme der Energieaufnahme maßgeblich von einer Abnahme der reflektierten kurzwelligen Strahlung getragen (Loeb et al., 2024). Das entspricht nicht dem einfachen Bild einer gleichmäßigen, allein temperaturgesteuerten langwelligen Gegenreaktion. Die Messungen zeigen deutlich, dass die reale Strahlungsentwicklung komplexer ist als ein konstantes αΔT.

 

Viertens werden aus gesellschaftlichen Erzählungen scheinbar geschlossene Emissionsverläufe. Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum, Energieverbrauch, technische Entwicklung, Landnutzung, Brennstoffwahl und Klimapolitik müssen bis 2100 geschätzt werden. Diese Größen sind nicht unabhängig: Schon geringe Änderungen bei Energieintensität, Bevölkerungsentwicklung oder Dekarbonisierung verändern die kumulierten Emissionen erheblich.

 

Fünftens wird aus der CO₂-Konzentration nicht unmittelbar eine Temperatur. Dazwischen liegen Strahlungstransferrechnung, schnelle Anpassungen, Feedbackparameter, Ozeanwärmeaufnahme, räumliche Erwärmungsmuster und interne Variabilität. Jeder dieser Schritte besitzt eigene Annahmen und Unsicherheiten. In der abschließenden globalen Temperaturkurve bleibt zudem nicht mehr sichtbar, welcher Teil der Strahlungsentwicklung auf Veränderungen von ASR und welcher auf Veränderungen von OLR zurückgeht.

 

Sechstens werden die Unsicherheiten nicht symmetrisch kommuniziert. Ein sehr hoher Emissionspfad wird mit einer hohen Forcingschätzung und einer hohen Klimasensitivität kombiniert. Dadurch entsteht ein mehrfaches Hochendszenario, eine Folge mehrerer gleichzeitig ungünstig angesetzter Annahmen. Zudem fehlen den Szenarien quantifizierte Eintrittswahrscheinlichkeiten; ein vergleichsweise moderater Pfad und ein extremer Hochendpfad stehen grafisch zunächst gleichberechtigt nebeneinander. Das erleichtert es, den dramatischsten Verlauf als erwartbare Zukunft zu verwenden.

 

Der entscheidende Fehler liegt damit in der verkürzten Wenn-dann-Formulierung. Tatsächlich müsste sie lauten: „Wenn die gesellschaftliche Entwicklung dem angenommenen Pfad folgt, wenn die daraus berechneten Emissionen stimmen, wenn der Kohlenstoffkreislauf die angenommene Konzentration erzeugt, wenn das Forcing richtig angesetzt ist, wenn die modellierten schnellen Anpassungen zutreffen, wenn α über Jahrzehnte übertragbar bleibt und wenn die Ozean- und Wolkenreaktionen korrekt simuliert werden, dann ergibt das Modell diese Temperatur.“ Da dies aber nicht so kommuniziert und wahrgenommen wird, erscheinen die SSP-Verläufe erheblich sicherer und realistischer, als ihre Entstehung rechtfertigt.

 

Die grundlegende Schwäche der RCP- und SSP-Systematik liegt darin, dass eine kleine, nicht probabilistische Auswahl modellierter Gesellschaftsgeschichten mit physikalischen Klimamodellen, Kohlenstoffkreisläufen, Aerosolannahmen, technischen Kostenkurven und teilweise gewaltigen späteren Negativemissionen zu scheinbar geschlossenen Zukunftsverläufen verbunden wird. Die Szenariodatenbank ist keine statistische Stichprobe, die fünf Leitpfade decken nicht alle Möglichkeiten ab, und keiner von ihnen besitzt eine quantifizierte Eintrittswahrscheinlichkeit. Trotzdem werden ihre Ergebnisse mit konkreten Temperaturen, Karten und Schadenszahlen versehen. So entsteht Präzision am Ende einer Annahmenkette, deren erstes Glied – die gesellschaftliche Entwicklung bis 2100 – grundsätzlich nicht prognostizierbar ist. Die Szenarien sind deshalb als Denk- und Belastungstests brauchbar, nicht aber als Wahrscheinlichkeitsprognosen oder unmittelbare Begründung politischer Zwangsläufigkeit.

 

Wie der Hochendpfad zur Normalerwartung wurde

 

Dass Medien dies erwartbar anders sehen, ist an dieser Stelle keine Überraschung. Dramatische Auswirkungen besitzen einen höheren Nachrichtenwert als begrenzte Veränderungen, Unsicherheitsintervalle und methodische Vorbehalte. Der extremste Pfad erzeugte deshalb nicht nur die größten Modellsignale, sondern auch die eingängigsten Überschriften. SSP5-8.5 – beziehungsweise RCP8.5 als früherer Hochendpfad des AR5 – wurde in wissenschaftlichen Arbeiten, Behördenberichten und Medien regelmäßig als „Business as usual“ oder „Weiter so“ bezeichnet. Diese Bezeichnung fand sich nicht nur in Medien, sondern auch in Fachartikeln. Damit verschob sich seine Bedeutung: Aus einem extremen Modellpfad wurde in der Wahrnehmung vieler Leser die erwartbare Zukunft für den Fall, dass keine radikale Klimapolitik beschlossen werde. Weil RCP8.5 zugleich die höchsten Temperaturen und die dramatischsten Folgen lieferte, dominierte es zahlreiche Darstellungen zu Meeresspiegel, Hitze, Eisschmelze und anderen Klimarisiken. Hier mal einige Beispiele:

 

Der ZEIT-Beitrag „Die Erde versinkt in Wasser und Salz“ zum IPCC-Sonderbericht über Ozeane und Kryosphäre stellt RCP2.6 und RCP8.5 als die beiden maßgeblichen Gegenpole vor (ZEIT ONLINE, 2019). RCP2.6 wird als „Best Case“ und „Paris-Agreement-Szenario“ bezeichnet; RCP8.5 ausdrücklich als Rechenmodell einer „Business-as-usual-Welt“. Damit wird der höchste Konzentrationspfad sprachlich nicht nur als Extremfall, sondern als normale Entwicklung bei ausbleibendem Klimaschutz eingeordnet. Anschließend werden an diesem Gegensatz weitreichende Folgen für Gletscher, Permafrost, Meeresspiegel, Ökosysteme und Wasserversorgung erläutert. Die Bedingungen, die für den außergewöhnlich hohen Emissionsverlauf von RCP8.5 notwendig wären, werden dagegen nicht vergleichbar ausführlich dargestellt. Der Leser erhält so den Eindruck einer einfachen Alternative: Entweder konsequenter Klimaschutz nach RCP2.6 oder die Business-as-usual-Katastrophe nach RCP8.5.

 

Arns (2017) beschreibt im Spektrum der Wissenschaft Modellrechnungen für den Küstenschutz an der deutschen Nordseeküste. Verwendet werden RCP4.5, RCP8.5 und ein zusätzliches RCP8.5-High-End-Szenario. Für letzteres wird ein Meeresspiegelanstieg von 174 Zentimetern angesetzt. Die Simulationen untersuchen anschließend zusätzliche Veränderungen von Sturmflutwasserständen und Wellenhöhen. Daraus wird abgeleitet, dass Deiche unter bestimmten Bedingungen um das 1,5-Fache, lokal sogar bis zum Doppelten des mittleren Meeresspiegelanstiegs erhöht werden müssten. Der Beitrag zeigt ebenfalls, wie RCP8.5 nicht nur zur allgemeinen Risikokommunikation, sondern als konkrete Grundlage technischer Sensitivitäts- und Schutzbedarfsrechnungen eingesetzt wurde.

 

Ein besonders deutliches Beispiel liefert der Spiegel im August 2020 unter der Überschrift „Erderwärmung folgt dem dramatischsten Szenario“. Ausgangspunkt war eine Studie von Schwalm et al. (2020), nach der die kumulierten CO₂-Emissionen zwischen 2005 und 2020 nur um etwa ein Prozent von RCP8.5 abwichen. Daraus wurde die Aussage abgeleitet, RCP8.5 beschreibe die bisherige Entwicklung und unter den damals angekündigten politischen Maßnahmen möglicherweise auch den Verlauf bis zur Mitte des Jahrhunderts am besten. Die Überschrift ging jedoch deutlich weiter als dieser begrenzte Befund. Sie erklärte nicht, dass lediglich die kumulierten CO₂-Emissionen eines kurzen Zeitraums verglichen wurden, sondern verkündete pauschal, die „Erderwärmung“ folge dem dramatischsten Szenario – was längst nicht der Fall war. Damit wurden Emissionsvergleich, langfristiger Konzentrationspfad und modellierte Temperaturentwicklung sprachlich zu einer einzigen Aussage verdichtet. Der Artikel bezeichnet RCP8.5 zudem wiederholt als „düsteres Szenario“, „Katastrophenszenario“ und „dramatischstes Szenario“. Der Beitrag zeigt damit exemplarisch, wie aus einer begrenzten Übereinstimmung bei kumulierten Emissionen eine wesentlich weiter reichende Zukunftsaussage wurde. RCP8.5 erschien nicht mehr nur als Hochendpfad, sondern als Szenario, dem die tatsächliche Erderwärmung bereits folge.

 

Die Beispiele zeigen ein wiederkehrendes Muster. RCP8.5 beziehungsweise später SSP5-8.5 wurde nicht nur als theoretische Obergrenze verwendet, sondern regelmäßig als „Business as usual“, als Entwicklung bei „ungebremsten Emissionen“ oder als das Ergebnis eines bloßen „Weiter so“ bezeichnet. Auf dieser Grundlage wurden die jeweils dramatischsten Folgen für Meeresspiegel, Küstenschutz, Ozeane, Trinkwasser, Gletscher und Meeresströmungen kommuniziert.

 

Dasselbe Muster findet sich in weiteren Beiträgen: Schmitt (2019) übersetzte den Hochendpfad in die unmittelbar klingende „Flut von morgen“, Tozer (2023) bezeichnete SSP5-RCP8.5 weiterhin als Business-as-usual-Szenario und Rahmstorf (2017) verwendete RCP8.5 als Grundlage weitreichender Projektionen zur Atlantischen Umwälzzirkulation bis 2300. Die Themen unterscheiden sich, der kommunikative Mechanismus bleibt gleich: Der höchste Pfad liefert die stärksten Folgen, während seine außergewöhnlichen Voraussetzungen in den Hintergrund treten.v

 

Eine Analyse der Universität Hamburg (Schaumann, 2022) erklärt auch, warum RCP8.5 die Klimakommunikation so stark dominierte. Als höchster Emissionspfad erzeugte es die größten Unterschiede zu einem Klimaschutzszenario und damit die deutlichsten Modellsignale. Je stärker die modellierte Erwärmung, desto klarer traten Folgen für Hitze, Meeresspiegel, Niederschlag oder Ökosysteme hervor. RCP8.5 war deshalb für Folgenstudien wissenschaftlich attraktiv und für Medien besonders anschlussfähig. Problematisch wurde diese Auswahl, als der Hochendpfad zugleich als „Business as usual“ bezeichnet wurde. Damit erschien eine extreme Modellwelt, die unter anderem einen massiven langfristigen Ausbau der Kohlenutzung voraussetzte, nicht mehr als Stresstest, sondern als normale Zukunft ohne entschlossene Klimapolitik. Selbst der AR6-Bericht der Arbeitsgruppe III stellt ausdrücklich klar, dass RCP8.5 und SSP5-8.5 keine typischen „Business-as-usual“-Projektionen sind, sondern lediglich als Hochend- und Hochrisikoszenarien dienen (Riahi et al., 2022).

 

Vom modellierten Risiko zum verbindlichen Recht

 

Auch die internationalen Klimaverträge entstanden nicht im luftleeren Raum. Das Pariser Abkommen nennt RCP8.5 zwar nicht ausdrücklich und wurde formal nicht auf einen einzelnen Szenariopfad gegründet. Seine Risikologik entspricht jedoch der Darstellung des kurz zuvor veröffentlichten Fünften Sachstandsberichts des IPCC. Dieser erklärte, dass fortgesetzte Treibhausgasemissionen die Wahrscheinlichkeit schwerer, weitverbreiteter und irreversibler Folgen erhöhten, während deutliche und anhaltende Emissionsminderungen diese Risiken begrenzen könnten (Intergovernmental Panel on Climate Change [IPCC], 2014). RCP8.5 bildete innerhalb der vier RCP-Pfade das obere Ende der untersuchten Entwicklung: die höchsten Emissionen, den höchsten Strahlungsantrieb und die stärkste modellierte Erwärmung. Damit lieferte es eine besonders eindrückliche Hochrisikodarstellung, auch wenn es im Pariser Abkommen nicht als konkrete Entscheidungsgrundlage genannt wurde.

 

Das Pariser Abkommen übernahm die allgemeine Risikologik des AR5. In seiner Präambel bezeichnet es den Klimawandel als dringende Bedrohung und fordert eine wirksame und fortschreitende Reaktion auf Grundlage des besten verfügbaren wissenschaftlichen Wissens. Artikel 2 verbindet das Ziel, die Erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten und Anstrengungen zur Begrenzung auf 1,5 °C zu unternehmen, ausdrücklich mit der Erwartung, dadurch die Risiken und Folgen des Klimawandels erheblich zu vermindern. Artikel 4 verlangt zur Erreichung dieses Temperaturziels einen möglichst frühen Höhepunkt der globalen Treibhausgasemissionen und danach schnelle Emissionsminderungen nach Maßgabe der besten verfügbaren Wissenschaft (United Nations Framework Convention on Climate Change [UNFCCC], 2015a).

 

Auch die Vorbereitung der Pariser Beschlüsse beruhte auf Modellvergleichen. Der UNFCCC-Synthesebericht zu den national vorgesehenen Klimaschutzbeiträgen stellte die für 2025 und 2030 erwarteten Emissionen den kostengünstigen Emissionspfaden gegenüber, die nach den im AR5 ausgewerteten Modellen mit einer Begrenzung der Erwärmung auf unter 2 °C vereinbar sein sollten. Da die angekündigten Beiträge oberhalb dieser Zielpfade lagen, wurde daraus die Notwendigkeit weiterer und später deutlich stärkerer Minderungen abgeleitet (UNFCCC, 2015b). RCP8.5 war damit keine ausdrücklich genannte Vertragsgrundlage. Aus seiner prominenten Stellung im AR5 lässt sich jedoch begründet ableiten, dass der Pfad zur wissenschaftlichen und kommunikativen Hochrisikokulisse gehörte, vor der das Abkommen verhandelt wurde. Das Szenario veranschaulichte jene stark erwärmte Zukunft, deren Risiken durch die Pariser Temperaturziele vermieden oder begrenzt werden sollten. Gerade weil RCP8.5 zuvor häufig als „Business as usual“ dargestellt worden war, erschien die politische Alternative besonders zugespitzt: entweder schnelle und weitreichende Emissionsminderungen oder eine Entwicklung in Richtung der dramatischsten modellierten Folgen.

 

Auch die deutschen Klimagesetze wurden formal zur Umsetzung des Pariser Abkommens beschlossen, materiell aber mit dem Schutz vor den erwarteten Folgen des Klimawandels begründet. Bereits der deutsche Gesetzentwurf zur Zustimmung zum Pariser Abkommen stellte die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen durch die menschengemachte Klimaänderung und die daraus abgeleitete Notwendigkeit schneller und nachhaltiger Emissionsminderungen heraus (Deutscher Bundestag, 2016). Das Bundes-Klimaschutzgesetz übernahm anschließend die Pariser Temperaturziele. Sein ausdrücklicher Zweck besteht darin, zum Schutz vor den Auswirkungen des weltweiten Klimawandels die nationalen Klimaschutzziele und die europäischen Zielvorgaben zu erfüllen. Die Begrenzung der Erwärmung auf deutlich unter 2 °C und möglichst 1,5 °C soll dabei die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels so gering wie möglich halten (Deutscher Bundestag, 2019). Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages ordnet das Bundes-Klimaschutzgesetz entsprechend als Rahmengesetz ein, das die Pariser Verpflichtungen und die daraus abgeleiteten nationalen Minderungsinstrumente rechtlich miteinander verbindet (Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, 2022).

 

Der rechtliche Bezug verläuft damit nicht unmittelbar über RCP8.5, sondern über die vom IPCC geprägte Risikobewertung und die daraus abgeleiteten Pariser Temperaturgrenzen. RCP8.5 war kein Tatbestand des Pariser Abkommens oder des Bundes-Klimaschutzgesetzes. Es gehörte jedoch zu jener wissenschaftlichen Darstellung hoher Erwärmung und schwerer, teilweise irreversibler Folgen, die den politischen Handlungsdruck mitprägte. Aus der modellierten Möglichkeit hoher Erwärmung wurde über das Pariser Abkommen eine internationale Zielvorgabe und daraus wiederum ein verbindlicher nationaler Minderungsrahmen. Ob die dafür maßgeblichen Hochendprojektionen realistisch waren, wurde im deutschen Gesetzgebungsverfahren nicht eigenständig neu untersucht; übernommen wurden vielmehr die internationale Risikobewertung und die daraus abgeleiteten Temperatur- und Minderungsziele.

 

Der Übertragungsweg ist damit klar: Eine modellierte Hochrisikowelt wird zunächst zur wissenschaftlichen Risikokulisse, daraus entsteht ein internationales Temperaturziel, und dieses Ziel wird anschließend in nationale Minderungs- und Eingriffspflichten übersetzt. Je weiter dieser Weg fortschreitet, desto weniger wird die ursprüngliche Szenariokonstruktion noch einmal eigenständig geprüft.

 

Vom „Weiter so“ zum unplausiblen Hochendszenario

 

Bereits 2020 warnten Zeke Hausfather und Glen Peters in Nature davor, RCP8.5 weiterhin als wahrscheinlichstes „Business-as-usual“-Szenario zu verwenden. Ihr Kernargument war tatsächlich die zunehmende Verwendung des extremsten Pfades als normale Zukunft ohne zusätzliche Klimapolitik. Realistischere Basisszenarien seien für Wissenschaft und Politik besser geeignet als ein Worst Case, der zugleich wie der Erwartungswert behandelt werde (Hausfather & Peters, 2020). Die Kritik richtete sich vor allem gegen die langfristigen Energieannahmen von RCP8.5. Der Pfad setzte eine unrealistisch starke Ausweitung der Kohlenutzung, einen weiter stark wachsenden Energieverbrauch und nur geringe Fortschritte bei Dekarbonisierung, Energieerzeugung und Effizienz voraus. Bereits 2020 passten neuere Energieprojektionen zunehmend schlechter zu dieser Prognose. Hausfather und Peters forderten deshalb, RCP8.5 deutlich als Hochrisikofall zu kennzeichnen und nicht länger als gewöhnliches „Weiter so“ zu verwenden. Ihre Kritik galt damit genau jener Gleichsetzung, die zuvor zahlreiche Fachartikel und Medienberichte geprägt hatte.

 

Diese Neubewertung ist inzwischen in die Konzeption der nächsten Modellgeneration eingegangen. Für CMIP7 hat das unter dem World Climate Research Programme organisierte Scenario Model Intercomparison Project ein neues Szenarienset entwickelt. SSP5-8.5 wird darin nicht mehr als einer der zentralen Standardpfade fortgeführt. Das neue hohe Emissionsszenario soll nur noch Emissionen abbilden, die unter heutigen Erkenntnissen als oberes Ende der noch irgendwie plausiblen Entwicklungen gelten. Dieser Pfad bleibt ausdrücklich unter dem Antriebsniveau von SSP5-8.5. Er setzt zudem nicht bloß die gegenwärtige Entwicklung fort, sondern verlangt ausdrücklich eine Rücknahme bestehender Klimapolitik, eine Umkehr gegenwärtiger Minderungs- und Dekarbonisierungstrends sowie tiefgreifende politische, technische und strukturelle Veränderungen zugunsten fossiler Energieträger (van Vuuren et al., 2026).

 

Die Autoren formulieren ausdrücklich, dass der neue Hochpfad weder als „Business as usual“ noch als Referenzszenario ohne zusätzliche Politik verstanden werden dürfe. Als Fortsetzung gegenwärtiger Politik und Trends ist stattdessen ein mittleres Szenario vorgesehen. In einer Stellungnahme erklärte der IPCC zu dieser Entscheidung, der neue Szenarienrahmen stamme aus der internationalen Forschungsgemeinschaft unter Koordination des World Climate Research Programme. Er werde erst im Rahmen des Siebten Sachstandsberichts bewertet. Zugleich bestätigte der IPCC aber, dass SSP5-8.5 im AR6 das emissionsstärkste der fünf illustrativen Szenarien gewesen sei und dass neuere Szenarien die Entwicklungen seit 2015 berücksichtigen würden (IPCC, 2026). Der sachliche Befund bleibt dennoch eindeutig: Der neue CMIP7-Rahmen enthält keinen Standardpfad mehr, der das frühere Antriebsniveau von 8,5 W/m² erreicht. Das bisherige Hochendszenario wird nicht als aktuelle realistische Baseline fortgeschrieben, sondern durch einen niedrigeren Hochpfad ersetzt, der bereits erhebliche Abweichungen von gegenwärtigen Trends voraussetzt.

 

Auch das Umweltbundesamt räumt diesen Punkt inzwischen ungewöhnlich deutlich ein. Es schreibt, SSP5-8.5 werde „nach aktuellem Stand nicht Realität werden“ und werde in neueren wissenschaftlichen Arbeiten nicht mehr als plausible Beschreibung der realen Entwicklung angesehen. Im AR6 sei das Szenario noch häufig verwendet worden; in der maßgeblichen CMIP7-Publikation komme es dagegen nicht mehr vor. Künftig solle es vor allem der Untersuchung extremer Klimarisiken dienen (Umweltbundesamt, 2026). Das Umweltbundesamt deutet diese Entwicklung allerdings nicht als Korrektur früherer Übertreibung, sondern als Erfolg bereits ergriffener Klimaschutzmaßnahmen. Gerade weil Klimapolitik und der Ausbau erneuerbarer Energien gewirkt hätten, sei SSP5-8.5 heute nicht mehr realistisch. Diese Erklärung greift jedoch zu kurz: Die strukturellen Energieannahmen des Pfades, insbesondere der außergewöhnliche langfristige Ausbau der Kohlenutzung wurden längst als unplausibel kritisiert (Hausfather & Peters, ebd.) was aber nicht als nachträglicher Erfolg der Klimapolitik verbucht werden kann.

 

Wieder zurück zur Vernunft

 

Die Entwicklung der RCP- und SSP-Szenarien zeigt ein grundsätzliches Problem moderner Klimakommunikation: Aus bedingten Modellrechnungen wurden scheinbar konkrete Zukunftsbilder. RCP8.5 und später SSP5-8.5 lieferten dafür die dramatischsten Kurven, Karten und Schadensmeldungen. Obwohl diese Pfade auf einer langen Kette gesellschaftlicher, technischer und physikalischer Annahmen beruhten, wurden sie über Jahre als „Business as usual“, „Weiter so“ oder realistische Zukunft ohne radikale Klimapolitik dargestellt. Inzwischen wird selbst innerhalb der Klimaforschung eingeräumt, dass diese Einordnung nicht haltbar war. Das frühere 8,5-W/m²-Szenario wird im neuen Szenarienrahmen nicht mehr als regulärer Hochpfad fortgeführt, sondern bleibt vor allem als extremer Belastungstest von Interesse. Wer einen solchen Stresstest als wahrscheinliche Zukunft darstellt, verwechselt Möglichkeit mit Wahrscheinlichkeit und ersetzt nüchterne Risikokommunikation durch Angst.

 

Die öffentliche Darstellung des Klimawandels war vielfach brutal überhitzt: Der höchste Emissionspfad wurde mit einer hohen Klimasensitivität kombiniert, aus dieser Kombination wurden die schwersten Folgen berechnet, und diese Folgen wurden anschließend als drohende Realität kommuniziert. Die Unsicherheiten standen im Kleingedruckten, die Katastrophenwerte in den Überschriften. Panik ist jedoch kein Ersatz für Wissenschaft. Sie verengt den politischen Raum, rechtfertigt vorschnelle Maßnahmen und erschwert eine sachliche Abwägung von Kosten, Nutzen, Anpassung und technischer Entwicklung. Vernünftige Klimapolitik braucht belastbare Messungen, offen ausgewiesene Unsicherheiten, realistische Szenarien und marktfähige Lösungen – keine Politik, die extreme Modellpfade zur Gewissheit umdeutet.

 

Besonders deutlich wird dieses Problem in der Klimafolgenforschung. Dort werden globale Hochendszenarien durch weitere Szenario-, Wirkungs- und Attributionsmodelle in regionale Aussagen über Hitze, Dürren, Hochwasser, Ernten, Krankheiten, Konflikte oder Todesfälle übersetzt. Mit jeder zusätzlichen Modellstufe wächst die Zahl der Annahmen, während die Ergebnisse immer konkreter und medienwirksamer erscheinen. Gleichzeitig liegen mit CERES seit dem Jahr 2000 zunehmend belastbare Beobachtungen der kurzwelligen und langwelligen Strahlungsflüsse am Oberrand der Atmosphäre vor. Sie ermöglichen erstmals eine längerfristige getrennte Prüfung von ASR, OLR und Nettobilanz. Wo diese Messungen nicht zur erwarteten einfachen linearen Strahlungsreaktion passen, müsste das verwendete Deutungsmodell neu geprüft werden. Stattdessen werden interne Widersprüche häufig durch veränderliche Feedbacks, Erwärmungsmuster und zusätzliche Adjustments erklärt, externe Abweichungen durch Aerosole, interne Variabilität, Ozeanwärmeaufnahme oder die Kürze der Messreihe. In ihrer Summe erhöhen sie die Elastizität des Frameworks: Je mehr Zusatzannahmen erforderlich werden, desto schwieriger wird es, noch zu bestimmen, welcher Befund das Modell überhaupt widerlegen könnte.

 

So können überkommene Deutungsmuster erstaunlich lange fortbestehen – ähnlich wie einst die Phlogistontheorie, deren Verteidiger widersprechende Messungen zunächst nicht als Anlass zur Aufgabe des Systems verstanden, sondern als Grund für weitere Eigenschaften des Phlogistons. Eine Theorie verliert zunehmend an Aussagekraft, wenn sie nahezu jedes Ergebnis nachträglich erklären kann. Genau diese Entwicklung hat die Klimadebatte in den vergangenen Jahren zu lange und zu schmerzhaft geprägt. Dem IPCC wäre deshalb dringend anzuraten, auf diese Entwicklung schneller, offener und methodisch konsequenter zu reagieren. Wissenschaftlicher Fortschritt besteht nicht darin, einen überkommenen Deutungsrahmen durch immer neue Definitionen, Adjustments, Musterabhängigkeiten und Szenarien gegen widersprechende Befunde zu stabilisieren. Er besteht darin, klar zu benennen, welche Beobachtung die verwendete Erklärung bestätigt, welche ihr widerspricht und unter welchen Bedingungen sie aufgegeben oder grundlegend verändert werden müsste.

 

Der Siebte Sachstandsbericht wird zeigen, ob der IPCC die neuen Messungen, die Grenzen des Forcing-Feedback-Frameworks und die Korrektur der Hochendszenarien zum Anlass einer wirklichen methodischen Neuordnung nimmt – oder lediglich neue Begriffe für ein im Kern unverändertes Deutungssystem findet.

 

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