Klima, Teil 10: Der Kassensturz der Erde

Klima, Teil 10: Der Kassensturz der Erde

Wenn die Rechnung plötzlich aufgeht

Kennt Ihr das? Man arbeitet Monate oder Jahre an einem Problem, das sich auf den ersten Blick sperrt. Und auf den zweiten auch. Man liest, rechnet, prüft, verwirft, fängt wieder an. Immer wieder steht man vor derselben Wand: Die offiziellen Sätze stehen fest, die Begriffe sind besetzt, der Zweifel findet keinen Anschluss. Die operative Gewissheit läuft. Der Apparat antwortet mit Institutionen, Modellen, Experten, Beschlüssen und Zuständigkeiten. Nur selten geht er an den Punkt, an dem Wissenschaft beginnen muss: an die Messung.

 

Und dann liegt plötzlich die Lösung vor einem. Als saubere Rechnung. Als Moment, in dem Theorie, Naturgesetze, Formeln, Messungen und Rechnungsergebnisse zusammenpassen. Ein Teil greift ins andere. Der Nebel lichtet sich. Was eben noch wie ein unauflösbarer Streit aus Begriffen, Autoritäten und politischen Folgerungen aussah, lässt sich plötzlich mit drei einfachen buchhalterischen Fragen klären:

 

  • Was kommt rein?
  • Was geht raus?
  • Was bleibt übrig?

 

Genau das machen wir heute mit dem Klima. Wir verlassen die großen Worte und gehen an die Energiebilanz. Wir nehmen CO2 ernst. Wir nehmen die Strahlungsphysik ernst. Wir nehmen die IPCC-Logik ernst. Und wir nehmen alles ernst, was wir bislang berechnet und mit dieser Logik verglichen haben. Denn auf unserem bisherigen Weg war durchaus zu erkennen: Dort, wo der IPCC im großen Arbeitsbericht mit Naturgesetzen, Formeln und echten Messungen arbeitet, liegt er erstaunlich häufig richtig. Dort, wo aus Modellwelten politische Zukunftsbilder gebaut werden, für die man Spezialrechner und Datenbanken benötigt, an die der Normalsterbliche kaum herankommt, wird es schnell zu heiß. Dann entstehen Trendüberschätzungen, die schon wenige Jahre oder Jahrzehnte später deutlich über der Wirklichkeit liegen.

 

Bleiben wir also bei dem, was gerechnet und gemessen werden kann - und was die Basis der ganzen Klimaphysik darstellt: Strahlungsphysik. Über Absorptionslinien und Schichtenmodell lässt sie sich gut darstellen und mit aktuellen Messdaten vergleichen. Genau das ist der Vorteil an einem Thema, das Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit seit über 30 Jahren beschäftigt: Inzwischen gibt es präzise Langzeitdaten. Keine groben Vermutungen, keine Prognosen mit Daten, die selbst erst modelliert und geschätzt werden müssen, sondern NASA-Satellitenmessungen über die wesentlichen Strahlungsflüsse der Erde. Also das, was wirklich passiert.

 

Das Ergebnis ist schöner, als ich erwartet hatte. Die Messungen zerstören die Physik nicht. Sie bestätigen sie dort, wo sie greifen muss. Und sie füllen den Teil aus, der bislang von Modellen geschätzt wurde - oft zu hoch, oft zu glatt, oft zu sicher. Besonders dort, wo Rückkopplungen in Sensitivitätswerte übersetzt und anschließend zu Jahrhundertprojektionen hochgezogen werden, wird die Rechnung schnell wild. Eine Verdreifachung der Planck-Antwort als best guess für die ECS ist kein Messbefund. Sie ist Modellbuchhaltung. Genau deshalb gehen wir jetzt an die Bilanz selbst.

 

Heute wird nicht geglaubt.

 

Heute wird gerechnet.

 

CERES: Der Kontoauszug der Erde

Die korrekte Antwort auf die Klimafrage findet man ausgerechnet dort, wo Rahmstorf im Spiegel-Text aus dem letzten Kapitel zu schnell abgebogen ist: auf der kurzwelligen Seite, bei Wolken, Aerosolen, Staub und Albedo. Deswegen schauen wir uns die CERES-Daten der letzten beiden Jahrzehnte genauer an. CERES ist einer der wichtigsten Messkomplexe der modernen Klimaforschung. Die Abkürzung steht für Clouds and the Earth’s Radiant Energy System, also für Wolken und das Strahlungsenergiesystem der Erde. Der Name trifft den Kern: CERES misst Strahlung am TOA, dem oberen Rand der Atmosphäre, genau dort, wo die Klimabilanz entschieden wird. Dort kommt Sonnenstrahlung an, dort kehrt der reflektierte Teil der kurzwelligen Sonnenstrahlung ins All zurück, und dort verlässt die langwellige Wärmestrahlung wieder das Erdsystem. Aus diesen Größen entsteht die zentrale Energiebilanz der Erde. Unsere drei Fragen passen exakt auf diese Messung: Was kommt rein, was geht raus, was bleibt übrig? Die einzelnen Begriffe, mit denen wir heute operieren, zeigt diese Tabelle:

 

Tabelle 11.1: Die Energiebilanz der Erde: Was kommt rein, was geht raus, was bleibt übrig?

 

Kürzel Begriff Deutsche Erklärung Richtung Rolle in der Bilanz
ISR Incoming Solar Radiation einfallende Sonnenstrahlung am oberen Rand der Atmosphäre, global gemittelt rein am TOA Startgröße der planetaren Kurzwellenseite, grob 340 W/m²
RSR Reflected Solar Radiation reflektierte kurzwellige Sonnenstrahlung am oberen Rand der Atmosphäre raus am TOA Sonnenlicht, das durch Wolken, Aerosole, Eis, Schnee, Oberfläche und Atmosphäre zurück ins All geht
ASR Absorbed Solar Radiation absorbierte Sonnenstrahlung im Erdsystem bleibt drin ISR minus RSR; das ist der kurzwellige Energiegewinn des Erdsystems
OLR Outgoing Longwave Radiation ausgehende langwellige Wärmestrahlung am oberen Rand der Atmosphäre raus am TOA Wärmeabgabe des Erdsystems ins All
NET / EEI Net Radiation / Earth Energy Imbalance Netto-Strahlungsbilanz am oberen Rand der Atmosphäre bleibt übrig ASR minus OLR; positiver Wert bedeutet Energiegewinn des Erdsystems

 

Die zentrale TOA-Bilanz lautet:

 

NET = ASR – OLR

 

Mit ASR = ISR − RSR

 

Oder ausgeschrieben:

 

NET = Absorbierte Sonnenstrahlung − ausgehende Wärmestrahlung

 

Für unsere drei Fragen heißt das: Was kommt rein? ISR am oberen Rand der Atmosphäre. Was geht raus? RSR als reflektierte Sonnenstrahlung und OLR als Wärmestrahlung. Was bleibt übrig? NET oder EEI. ASR ist dabei die wichtigste Zwischengröße für die kurzwellige Seite. ASR ist der kurzwellige Energieeintrag nach Abzug der Reflexion. Die eigentliche Netto-Bilanz entsteht erst danach: NET = ASR - OLR. Wenn RSR sinkt, steigt ASR. Dann nimmt das Erdsystem mehr Sonnenenergie auf. Li et al. prüfen ausdrücklich, ob die RSR-Trends mit Änderungen der einfallenden Sonnenstrahlung zusammenhängen. Ihr Ergebnis: Die interannuellen Variationen der einfallenden Sonnenstrahlung am TOA zeigen in beiden Hemisphären keinen signifikanten Trend; der Hebel liegt also auf der RSR-Seite (Li et al., 2024).

 

Steigt NET, bleibt mehr Energie im Erdsystem. Dann heizen sich Ozeane, Land, Atmosphäre und Eis zusammen auf. Genau diese Bilanz misst CERES seit dem Jahr 2000 mit Satelliteninstrumenten. Dadurch wird das Klimathema an dieser Stelle messbar. Eine Strahlungsbilanz kann man prüfen, zerlegen und mit der Theorie vergleichen. Die NASA beschreibt das Ziel des Projekts sehr klar: CERES soll einen langfristigen, integrierten globalen Klimadatensatz erzeugen, mit dem dekadische Änderungen im Strahlungshaushalt der Erde erkannt werden können. Außerdem soll CERES zeigen, wie sich dieser Strahlungshaushalt räumlich und zeitlich verändert und welche Rolle Wolken und andere atmosphärische Eigenschaften dabei spielen (NASA Langley Research Center, n.d.). Genau diesen Datensatz brauchen wir hier: global, langfristig, strahlungsphysikalisch, mit Wolkenbezug.

 

CERES steht dabei in einer längeren Messgeschichte. Vor CERES gab es das Earth Radiation Budget Experiment, kurz ERBE. ERBE begann 1984 mit ähnlichen Messungen des Strahlungshaushalts. CERES ist der deutlich verbesserte Nachfolger. Der erste CERES-Sensor flog 1997 auf der Tropical Rainfall Measuring Mission. Danach kamen Terra im Jahr 1999, Aqua im Jahr 2002, Suomi NPP im Jahr 2011 und NOAA-20 im Jahr 2017. Damit liegt seit März 2000 eine durchgehende CERES-Zeitreihe für die entscheidenden Strahlungsgrößen vor. NOAA beschreibt diese Kontinuität ebenfalls: Die CERES-Datenreihe reicht bis 1997 zurück; ERBE lieferte bereits ab 1984 Vorläuferdaten (NOAA NESDIS, n.d.). Wir reden also über mehr als zwei Jahrzehnte Satellitendaten, Monat für Monat, global, am oberen Rand der Atmosphäre. Das ist für die Trends der jüngeren Klimaphase genau das richtige Zeitfenster.

 

Die CERES-Instrumente messen breitbandig. Sie erfassen also große physikalische Strahlungsbereiche und sind gerade deshalb für die Energiebilanz brauchbar. Der Total-Kanal misst über einen sehr weiten Bereich von etwa 0,3 bis 200 Mikrometer. Der Shortwave-Kanal misst die kurzwellige Sonnenstrahlung etwa von 0,3 bis 5 Mikrometer. Dazu kommt ein Fensterkanal im infraroten Bereich. Aus diesen Messungen werden kurzwellige und langwellige Strahlungsflüsse bestimmt (Loeb et al., 2016). Damit sieht CERES genau die beiden Türen der Klimabilanz: die kurzwellige Tür der Sonnenstrahlung und die langwellige Tür der Wärmestrahlung. Auf der kurzwelligen Seite geht es um einfallende (ISR) und reflektierte Sonnenstrahlung (RSR). Wolken, Aerosole, Staub, Schnee, Eis, Land und Ozeane bestimmen, wie viel Sonnenlicht zurück ins All geht. Auf der langwelligen Seite geht es um Wärmestrahlung (OLR). Dort sitzen Temperatur, Wasserdampf, CO2, Wolken und die übrigen Treibhausgase.

 

Die Messung selbst ist anspruchsvoll. Wolken haben Formen, Oberflächen reflektieren je nach Winkel verschieden, und ein Satellit sieht jede Szene aus einer bestimmten Blickrichtung. Aus gerichteten Strahlungsmessungen, den Radiances, müssen deshalb flächenbezogene Strahlungsflüsse, also Fluxes, berechnet werden. Dafür nutzt CERES sogenannte angular distribution models. Diese Modelle berücksichtigen, wie Strahlung je nach Szene, Oberfläche, Wolkenlage und Blickwinkel verteilt ist. Dazu kommen hochaufgelöste Bilddaten von MODIS auf Terra und Aqua sowie VIIRS auf NOAA-20. Diese Imager liefern Informationen über Wolken, Oberflächen und Szenentypen innerhalb des größeren CERES-Fußabdrucks. Geostationäre Satelliten helfen zusätzlich, den Tagesgang der Wolken zu erfassen. Wolken entstehen, wachsen, ziehen weiter und lösen sich wieder auf; CERES berücksichtigt diese zeitliche Dynamik über zusätzliche Datenquellen (NASA/LARC/SD/ASDC, 2024).

 

Der zentrale Klimadatensatz für unsere Rechnung heißt EBAF: Energy Balanced and Filled. EBAF liefert für jeden Punkt auf einem engmaschigen Gitternetz der Erde monatliche Mittelwerte am oberen Rand der Atmosphäre und enthält All-Sky- sowie Clear-Sky-Flüsse. All-Sky meint die reale Erde mit Wolken. Clear-Sky meint die wolkenfreie Atmosphäre, soweit sie aus den Beobachtungen räumlich vollständig rekonstruiert wird. Die NASA bezeichnet EBAF-TOA als beste CERES-Schätzung der Strahlungsflüsse auf Basis aller verfügbaren Satellitenplattformen und Eingangsdaten (NASA/LARC/SD/ASDC, 2024). CERES misst dabei große Ströme und kleine Unterschiede mit erstaunlicher Präzision: Die Erde nimmt global grob 240 W/m² Sonnenenergie auf und gibt grob 240 W/m² langwellige Wärmestrahlung wieder ab. Die eigentliche Klimafrage steckt aber in der kleinen Differenz zwischen beiden Größen, also in der Earth Energy Imbalance von ungefähr 1 W/m². Ein kleiner Fehler in einem großen Einzelstrom kann diese kleine Restgröße über- oder unterschätzen. EBAF gleicht deshalb den globalen Nettofluss mit der gemessenen Wärmeaufnahme des Erdsystems ab, vor allem mit der Ozeanwärme.

 

Die CERES-Instrumente wurden als Klimainstrumente gebaut. Sie besitzen Kalibrierungssysteme an Bord, und die Daten werden regelmäßig neu verarbeitet, sobald Kalibrierung, spektrale Alterung der Sensoren oder Algorithmen besser verstanden werden. Loeb et al. zeigen für Edition 4, wie Änderungen der Instrumentkalibrierung im Orbit berücksichtigt werden. Die CERES-Kanäle verändern sich über Jahre geringfügig; diese Änderungen werden gemessen und unter Zuhilfenahme unabhängiger Vergleichsdaten korrigiert. Nach den Korrekturen stimmen monatliche Anomalien zwischen Instrumenten sehr gut überein. Für kurzwellige Flüsse, also für Einzelwerte, nennen Loeb et al. Standardabweichungen der monatlichen Anomaliedifferenzen von etwa 0,2 W/m² über Ozean und 0,3 W/m² über Land und Wüste. (Loeb et al., 2016). Für globale Trends über Jahrzehnte arbeitet CERES mit Wiederholung, Mittelung, Kalibrierung und Überlappung, was die Messung noch deutlich präziser werden lässt. UCAR nennt für den CERES-TOA-Datensatz eine hohe Trendstabilität: besser als 0,2 Prozent pro Dekade im kurzwelligen Bereich und besser als 0,15 Prozent pro Dekade im langwelligen Bereich (National Center for Atmospheric Research, 2025). Das sind hervorragende Werte.

 

Auch die Übergänge zwischen Satelliten sind Teil dieser Klimadatenarbeit. Jede lange Messreihe erlebt irgendwann Satellitenwechsel; entscheidend ist der Umgang damit. Und der ist vorbildlich: Für die Übergänge werden lange Überlappungsperioden genutzt, um die einzelnen Satellitenperioden auf denselben Maßstab zu bringen. Korrekturen aus Überlappungsperioden werden genutzt, um die Einzel-Satelliten-Zeiten anzupassen (NASA/LARC/SD/ASDC, 2024). Bei CERES ist dieser Punkt sogar Gegenstand eigener Arbeiten. Loeb et al. haben 2024 die Kontinuität der TOA-Strahlungsbudgetbeobachtungen untersucht. Der Befund ist für unsere Rechnung ausgezeichnet geeignet: Der Trend des globalen Netto-TOA-Flusses aus CERES stimmt innerhalb von 0,1 W/m² pro Dekade mit einer unabhängigen Messung der planetaren Wärmeaufnahme (über Ozeandaten) überein (Loeb et al., 2024a).

 

Die Kontofrage: Eingang, Ausgang, Rest

Und mit diesem Datensatz können wir nun unsere Frage beantworten. In den letzten zwei Jahrzehnten stieg die Temperatur der Erde. Die Energiebilanz der Erde muss also positiv sein: NET beziehungsweise EEI muss Energie im System lassen. Unsere Frage lautet daher: Entsteht diese Bilanz vor allem, weil die langwellige Wärmestrahlung am Ausgang gedämpft wird? Oder entsteht sie vor allem, weil die Erde auf der kurzwelligen Seite mehr Sonnenstrahlung absorbiert? Oder durch beides? CERES liefert die Messdaten, um diese Frage belastbar zu prüfen.

 

Das klingt technisch. Ist aber gut zu verstehen. Stellt euch die Erde wie ein Konto vor. Die Sonne zahlt ein. Die Erde zahlt Wärme ins All aus. Der Kontostand steigt, wenn mehr hineinkommt als hinausgeht. CERES zeigt uns die Kontoauszüge. Monat für Monat. Global. Seit mehr als zwei Jahrzehnten. Und diese Kontoauszüge zeigen wir nun.

 

CO2: Der großzügige Kontrollwert

Wir beginnen mit der starken IPCC-Lesart: CO2 ist beinahe komplett für die derzeitige Erderwärmung verantwortlich.

 

Diese Rechnung haben wir im Grunde schon durchgeführt, allerdings für andere Zeiträume. Damit Theorie und Messung auf derselben Zeitachse laufen, setzen wir jetzt das Li-Fenster: März 2001 bis Februar 2022. Li et al. arbeiten mit CERES-EBAF Edition 4.2 und verwenden monatliche Strahlungsdaten unter All-Sky- und Clear-Sky-Bedingungen auf einem 1° × 1°-Raster (Li et al., 2024). Also rechnen wir auch den CO2-Schritt für genau dieses Fenster. Das 21-Jahres-Fenster ist ein Gegencheck. Es sagt nicht, wie jedes Jahrzehnt seit 1850 funktioniert hat und nicht, wie jedes Jahrzehnt bis 2100 aussehen wird. Aber es zeigt, wie die jüngere Erwärmung in den besten verfügbaren Strahlungsdaten tatsächlich bilanziert ist – und begrenzt damit sehr deutlich, was man aus der jüngeren Messbilanz als reine CO2-Erzählung ableiten darf.

 

Die Standardlogik bleibt dieselbe. Mehr CO2 verändert die langwellige Strahlungsbilanz. Bei gleicher Temperatur erreicht am oberen Rand der Atmosphäre etwas weniger Wärmestrahlung das All. Daraus entsteht ein zusätzlicher Strahlungsantrieb. Die Formel lautet (Kapitel 6): ΔF = α × ln(C2 / C1). C1 ist der CO2-Ausgangswert, C2 der CO2-Endwert, α der Strahlungskoeffizient. Ebenfalls in Kapitel 6 hatten wir für unseren All-Sky-Fall mit H2Oratio = 1 den global gewichteten Koeffizienten αMix = 3,58 W/m² festgelegt und gegengecheckt. Das ist der Wert für unseren realistisch gemittelten Himmel mit Wolken und Standardatmosphären, aber zunächst festgehaltenem Wasserdampf.

 

Die CO2-Werte entnehmen wir der Mauna-Loa-Zeitreihe der NOAA, also der Messreihe hinter der Keeling-Kurve. NOAA stellt die vollständigen Mauna-Loa-Monats- und Jahresdaten bereit; die Monatswerte werden aus Tagesmitteln gebildet und auf die Monatsmitte korrigiert (NOAA Global Monitoring Laboratory, 2026). Für diesen Schritt nehmen wir die de-seasonalized Monatswerte, weil der Zeitraum im März beginnt und im Februar endet. Für März 2001 liegt der de-seasonalized Mauna-Loa-Wert bei 371,06 ppm. Für Februar 2022 liegt er bei 418,32 ppm.

 

Damit lautet die Rechnung:

 

C1 = 371,06 ppm
C2 = 418,32 ppm

 

Zuwachs:

 

418,32 − 371,06 = 47,26 ppm

 

Verhältnis:

 

418,32 / 371,06 = 1,12736

 

Natürlicher Logarithmus:

 

ln(418,32 / 371,06) = 0,119883

 

Jetzt setzen wir unseren All-Sky-Mix aus Kapitel 6 ein:

 

ΔFCO₂ = 3,58 × 0,119883 = 0,429 W/m²

 

Der reine zusätzliche CO2-Strahlungsantrieb im Li-Zeitraum beträgt damit rund 0,43 W/m² bei festgehaltenem Wasserdampf). Auf 21 Jahre verteilt sind das:

 

0,429 W/m² / 2,1 Dekaden = 0,204 W/m² pro Dekade

 

Als einfache Planck-Antwort ergibt sich mit 3,22 W/m² pro °C:

 

0,204 / 3,22 = 0,063 °C pro Dekade

 

Damit steht der erste Kontrollwert für genau den CERES-/Li-Zeitraum: CO2 liefert von März 2001 bis Februar 2022 in unserem All-Sky-H2Oratio-1-Mix rund 0,43 W/m² zusätzlichen direkten Strahlungsantrieb. Das entspricht isoliert einer Planck-Temperaturantwort von rund 0,063 °C pro Dekade.

 

Wasserdampf und Lapse Rate: Der klassische Verstärker

Jetzt kommt die wichtigste klassische Rückkopplung: Der Wasserdampf. Warme Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen; der physikalische Hintergrund ist die Clausius-Clapeyron-Beziehung. Der IPCC gibt dafür als globale Näherung rund 7 Prozent mehr niedrige atmosphärische spezifische Feuchte pro Grad Erwärmung an, sofern die relative Feuchte im globalen Mittel ungefähr konstant bleibt (IPCC, 2021a). Diese Annahme ist global durchaus brauchbar, allerdings definitiv nicht unterschätzt.

 

Wasserdampf ist, wie wir bereits festgestellt haben, selbst ein starkes Treibhausgas. Mehr Wasserdampf verstärkt also den ursprünglichen Strahlungsantrieb. Der IPCC behandelt das als positive Wasserdampf-Rückkopplung. In AR6 wird der Wasserdampf-Feedbackwert aus Satellitenbeobachtungen mit etwa 1,85 ± 0,32 W/m² pro °C angegeben; Modellwerte liegen sehr ähnlich bei etwa 1,77 ± 0,20 W/m² pro °C (IPCC, 2021b). Für unsere Kontrollrechnung reicht die Größenordnung: Pro Grad Erwärmung liefert der zusätzliche Wasserdampf ungefähr 1,8 W/m² zusätzlichen langwelligen Antrieb.

 

Jetzt übersetzen wir das auf unseren gewählten Zeitraum. Der reine CO2-Antrieb von März 2001 bis Februar 2022 beträgt in unserem All-Sky-H2Oratio-1-Mix rund 0,429 W/m². Mit der Planck-Antwort von 3,22 W/m² pro °C entspricht das zunächst:

 

ΔTPlanck = 0,429 / 3,22 = 0,133 °C

 

Nach Clausius-Clapeyron entspricht diese erste Erwärmung einer zusätzlichen spezifischen Feuchte von grob:

 

0,133 × 7 % = 0,93 %

 

Das ist der Wasserdampf-Schritt: Der CO2-Antrieb erwärmt leicht, warme Luft kann mehr Feuchte halten, und diese zusätzliche Feuchte liefert selbst wieder einen langwelligen Antrieb. Mit dem IPCC-Wert für Wasserdampf von rund 1,8 W/m² pro °C ergibt sich:

 

ΔFH₂O = 1,8 × 0,133 = 0,239 W/m²

 

Mit dem beobachtungsbasierten IPCC-Wert 1,85 W/m² pro °C:

 

ΔFH₂O = 1,85 × 0,133 = 0,246 W/m²

 

Mit dem modellbasierten Wert 1,77 W/m² pro °C:

 

ΔFH₂O = 1,77 × 0,133 = 0,235 W/m²

 

Damit liefert der Wasserdampf im Li-Zeitraum zusätzlich grob 0,24 W/m². Zusammen mit CO2 ergibt sich:

 

ΔFCO₂ + ΔFH₂O = 0,429 + 0,24 = 0,669 W/m²

 

Wasserdampf verstärkt also den ursprünglichen CO2-Antrieb. Aber die Atmosphäre reagiert auf höhere Temperaturen nicht nur mit mehr Wasserdampf. Sie verändert auch ihr vertikales Temperaturprofil. Genau darum geht es bei der Lapse-Rate-Rückkopplung. Unten ist die Troposphäre im Mittel wärmer, oben kälter. Wird die bodennahe Luft wärmer und feuchter, steigt mehr warme, feuchte Luft auf. Beim Aufsteigen kühlt sie ab, Wasserdampf kondensiert, dabei wird latente Wärme frei. Diese Wärme wird in höhere Luftschichten transportiert. Besonders in den Tropen erwärmt sich dadurch die obere Troposphäre stärker als die Oberfläche. Das wirkt kühlend auf die Strahlungsbilanz.

 

Der Grund ist einfach: Wärmere Luft in größerer Höhe kann leichter langwellige Strahlung ins All abgeben – die Atmosphäre ist dort deutlich dünner, weniger Treibhausgase können die Wärmestrahlung noch absorbieren. Die Wärme wird also mit den aufsteigenden Luftschichten nach oben transportiert, die Abstrahlung erfolgt dann aus höheren, wärmeren Schichten. Dadurch steigt die ausgehende Wärmestrahlung am oberen Rand der Atmosphäre gegenüber dem reinen Wasserdampf-Fall. Die Lapse Rate zieht also einen Teil der Wasserdampfverstärkung wieder ab.

 

Für unsere Rechnung machen wir es wie der IPCC und trennen die beiden Effekte sauber. Wasserdampf liefert nach IPCC-Größenordnung etwa:

 

Wasserdampf: +1,77 bis +1,85 W/m² pro °C

 

Für die Lapse Rate setzen wir den IPCC-Bereich an, den wir bereits in Kapitel 6 verwendet haben:

 

Lapse Rate: −0,5 bis −0,8 W/m² pro °C

 

Damit ergibt sich netto:

 

Wasserdampf plus Lapse Rate: etwa +1,0 bis +1,35 W/m² pro °C

 

Das passt gut zur AR6-Gesamtbewertung. Dort wird Wasserdampf plus Lapse Rate zusammen mit 1,30 W/m² pro °C angegeben; der sehr wahrscheinliche Bereich liegt bei 1,1 bis 1,5 W/m² pro °C (IPCC, 2021).

 

Jetzt setzen wir das in unseren gewählten Zeitraum ein. Aus der CO2-Rechnung hatten wir für März 2001 bis Februar 2022:

 

ΔFCO₂ = 0,429 W/m²

 

Die einfache Planck-Antwort darauf war:

 

ΔTPlanck = 0,429 / 3,22 = 0,133 °C

 

Der zusätzliche Wasserdampf lieferte daraus grob:

 

ΔFH₂O = 0,235 bis 0,246 W/m²

 

Jetzt ziehen wir die Lapse Rate ab. Mit −0,5 bis −0,8 W/m² pro °C und ΔTPlanck = 0,133 °C ergibt sich:

 

ΔFLR = −0,5 × 0,133 = −0,067 W/m² bis ΔFLR = −0,8 × 0,133 = −0,106 W/m²

 

Damit bleibt aus Wasserdampf plus Lapse Rate:

 

untere Schätzung: 0,235 − 0,106 = 0,129 W/m²

 

obere Schätzung: 0,246 − 0,067 = 0,179 W/m²

 

Also:

 

ΔFH₂O+LR = 0,13 bis 0,18 W/m²

 

Zum Vergleich: Mit dem AR6-Zentralwert für Wasserdampf plus Lapse Rate von 1,30 W/m² pro °C ergibt sich direkt:

 

ΔFH₂O+LR = 1,30 × 0,133 = 0,173 W/m²

 

Damit lautet der langwellige Zwischenstand für den Li-Zeitraum:

 

CO2 direkt: 0,429 W/m²

 

Wasserdampf plus Lapse Rate: 0,13 bis 0,18 W/m²

 

Zusammen: ΔFges = 0,429 + 0,13 = 0,559 W/m² bis 0,429 + 0,18 = 0,609 W/m²

 

Zum Vergleich der Wert des AR6:

 

ΔFges = 0,429 + 0,173 = 0,602 W/m²

 

Damit stehen wir vor Wolken und Albedo bei rund 0,56 bis 0,61 W/m² zusätzlichem langwelligen Antrieb im Li-Zeitraum. Der zentrale Schätzwert des IPCC liegt für diese Rechnung bei etwa 0,60 W/m².

 

Wolken bleiben draußen: kein Trick, sondern Trennung

Wolken, Aerosole und Oberflächen-Albedo lassen wir an dieser Stelle bewusst draußen. Dort sitzt gleich der spannendste Teil der Messung. Der IPCC behandelt solche Effekte in seiner Strahlungsphysik ebenfalls, vor allem über Aerosol-Radiation-Interactions, Aerosol-Cloud-Interactions, Wolkenanpassungen und Oberflächen-Albedo. In der Summe wirken diese kurzwelligen Komponenten kühlend, also negativ auf den Strahlungsantrieb. Würden wir sie hier bereits in die IPCC-nahe Langwellenrechnung einbauen, würde der theoretische Antrieb kleiner. Wir lassen diesen Abzug bewusst weg, weil wir bei unserer eingeführten Trennung bleiben: kurzwellige Energie kommt über die Sonnenstrahlung hinein, langwellige Energie geht als Wärmestrahlung hinaus. Auf der kurzwelligen Seite lautet die Bilanz: ASR = ISR - RSR. Genau dort gehören Wolken, Aerosole, Staub und Oberflächen-Albedo hin, weil sie entscheiden, wie viel Sonnenstrahlung reflektiert wird und wie viel im Erdsystem bleibt.

 

Methodisch ist diese Trennung sauberer. Wolken, Aerosole und Albedo gehören in unserer Rechnung auf die kurzwellige Seite der Bilanz, also in die Differenz aus einfallender und reflektierter Sonnenstrahlung: ASR = ISR - RSR. Genau dort behandelt Li diese Größen. Li et al. zerlegen die reflektierte Sonnenstrahlung aus CERES-EBAF nach Wolken, klarer Atmosphäre und Oberfläche; klare Atmosphäre umfasst dabei vor allem Aerosole und Staub, Oberfläche die Albedo von Eis, Schnee, Land, Ozean und Vegetation (Li et al., 2024). Deshalb kommen diese Effekte bei uns als Messbefund hinein. CERES zeigt die Bilanz, Li zerlegt die kurzwellige Seite.

 

Der IPCC führt diese Ebenen in seiner Forcing- und Feedback-Buchhaltung zusammen. Aerosole, Wolkenwirkungen und Oberflächen-Albedo erscheinen dort als Strahlungsantriebe, Rückkopplungen oder schnelle Anpassungen. Für die Modellierung der ECS kann man so ein geschlossenes System bauen. Für unsere Messprüfung ist genau diese Zusammenführung der Schwachpunkt. Sie verwischt den physikalischen Ort des Effekts. Aerosole, Wolken und Oberflächen-Albedo verändern zuerst die kurzwellige Seite: Sie entscheiden, wie viel Sonnenstrahlung reflektiert wird und wie viel im Erdsystem bleibt. In unserer Bilanz gehören sie deshalb in RSR und damit in ASR = ISR - RSR. Wer diese Effekte schon vorher als Abzug in die Treibhaus-, Feedback- oder Planck-Rechnung einbaut, zieht kurzwellige Eingangsphysik in die langwellige Ausgangsrechnung hinein. Damit wird die Energiebilanz unübersichtlich.

 

Für unsere Fragestellung ist die getrennte Rechnung sauberer. Langwellig rechnen wir CO2, Wasserdampf und Lapse Rate. Kurzwellig prüfen wir anschließend mit CERES und Li: Was passiert mit RSR, ASR und der reflektierten Sonnenstrahlung? Dadurch bleibt sichtbar, welcher Teil der beobachteten Änderung zur Treibhausseite passt und welcher Teil aus Wolken, Aerosolen und Albedo kommt. Das macht den IPCC-nahen Kontrollwert sogar eher groß: CO2 plus Wasserdampf plus Lapse Rate bleibt im Li-Zeitraum bei rund 0,6 W/m². Wir stellen die Treibhausseite großzügig hin und prüfen danach, was CERES auf der realen All-Sky-Bilanz zeigt. Das ist der Unterschied: erst die getrennte Bilanz, dann der Kassensturz.

 

Loeb: Eingang, Ausgang, Rest

Jetzt kommt die Messfrage: Was zeigt CERES wirklich? Und vor allem: Auf welcher Seite der Bilanz entsteht der Trend? Dafür brauchen wir bei Loeb zunächst nur eine Gleichung und drei Zahlen.

 

Die Gleichung lautet:

 

NET = ASR − OLR

 

ASR ist die absorbierte Sonnenstrahlung. OLR ist die ausgehende langwellige Wärmestrahlung. NET oder EEI ist der Rest, der im Erdsystem bleibt.

 

Loeb et al. (2024) finden für den CERES-Zeitraum von März 2000 bis Dezember 2022 in unserer Zeichenkonvention:

 

Tabelle 11.2: Loeb/CERES-Trend 03/2000–12/2022

 

Größe Trend Lesart
ASR +0,71 ± 0,19 W/m² pro Dekade mehr absorbierte Sonnenstrahlung
OLR +0,26 ± 0,19 W/m² pro Dekade mehr Wärmeabgabe ins All
NET / EEI +0,45 ± 0,18 W/m² pro Dekade zusätzlicher Rest im Erdsystem

 

Die Kontrolle ist einfach:

 

0,71 − 0,26 = 0,45

 

Damit steht die CERES-Bilanz. Die Erde nimmt auf der Eingangsseite rund 0,71 W/m² pro Dekade mehr Sonnenenergie auf. Gleichzeitig gibt sie auf der Ausgangsseite rund 0,26 W/m² pro Dekade mehr langwellige Wärme ins All ab. Der Rest von rund 0,45 W/m² pro Dekade bleibt als Earth Energy Imbalance im System. Das ist Loebs Kernbefund.

 

Auf ein 21-jähriges Fenster übertragen entspräche diese Trendrate grob:

 

Tabelle 11.3: Umrechnung der Loeb-Trends auf 21 Jahre

 

Größe Rechnung Ergebnis
ASR 0,71 × 2,1 +1,49 W/m²
OLR 0,26 × 2,1 +0,55 W/m²
NET / EEI 0,45 × 2,1 +0,95 W/m²

 

Diese Umrechnung ist nur eine Orientierung, weil Loebs Trendfenster und das Li-Fenster nicht exakt identisch sind. Für die Größenordnung reicht sie. Li liegt auf der kurzwelligen Seite praktisch in derselben Größenordnung.: Aus dem Rückgang der reflektierten Sonnenstrahlung ergibt sich grob +0,73 W/m² pro Dekade mehr ASR, also etwa +1,53 W/m² über 21 Jahre.

 

Der häufig zitierte Loeb-Dekadenvergleich passt dazu, ist aber eine andere Rechenebene. Loeb vergleicht auch die erste CERES-Dekade mit der jüngsten ausgewerteten Dekade. Dort steigt die Earth Energy Imbalance von rund 0,5 ± 0,2 W/m² auf rund 1,0 ± 0,2 W/m². Dieser Zuwachs entsteht aus etwa +0,9 ± 0,3 W/m² mehr absorbierter Sonnenstrahlung, teilweise kompensiert durch etwa +0,4 ± 0,25 W/m² mehr ausgehende Wärmestrahlung. Das ist kein Trend pro Dekade, sondern ein Vergleich zweier Dekaden. Für die saubere Trendrechnung verwenden wir deshalb die drei Trendzahlen: ASR +0,71, OLR +0,26, NET +0,45 W/m² pro Dekade.

 

Jetzt kommt die Treibhausrechnung hinein. Sie gehört nicht als eigener Messbalken in CERES. CERES misst ASR, OLR und NET. Die Treibhausrechnung erscheint in dieser Bilanz indirekt: als Dämpfung der OLR-Zunahme. CO2, Wasserdampf und Lapse Rate ergeben im Li-Zeitraum 0,559 bis 0,609 W/m², zentral 0,602 W/m². Pro Dekade sind das:

 

0,602 / 2,1 = 0,287 W/m² pro Dekade

 

Das ist die großzügige theoretische Oberkante der langwelligen Dämpfung auf der Ausgangsseite. Sie erklärt die zusätzliche ASR nicht. Das macht Li. Sie erklärt, warum die zusätzliche Wärmeabgabe kleiner bleibt als die kurzwellige Zusatzaufnahme.

 

Die Bilanz zeigt sich mit der bekannten Formel:

 

NET = ASR − OLR

 

Loeb misst:

 

NET = 0,45 W/m² pro Dekade

 

Die großzügige Treibhausrechnung liefert:

 

Treibhausdämpfung = 0,287 W/m² pro Dekade

 

Dann kann man NET als Summe aus Treibhausdämpfung und Rest lesen:

 

NET = Treibhausdämpfung + Rest

 

0,45 = 0,287 + 0,163 W/m² pro Dekade

 

Gegen die NET-Zunahme hat die großzügige Treibhausrechnung damit die Größenordnung von knapp zwei Dritteln. Der Rest ist keine neue Kraft und kein versteckter zukünftiger Temperaturanspruch. Er ist der nicht-treibhausliche Anteil der gemessenen NET-Zunahme. Er entsteht daraus, dass die kurzwellige Eingangsseite stärker steigt als die langwellige Ausgangsseite. Genau diesen zusätzlichen Eingang zeigt Li: weniger reflektierte Sonnenstrahlung, vor allem durch Wolken, dazu klare Atmosphäre und Oberfläche. Die EEI ist deshalb positiv, weil ASR stärker steigt als OLR. Der Rest ist damit kein Loch in der Rechnung, sondern die kurzwellige Seite der Bilanz.

 

 

Li: Warum die Erde dunkler wurde

Loeb hat uns gezeigt, dass die absorbierte Sonnenstrahlung stark zugenommen hat. Li zeigt nun, warum das so ist. Der Zugriff ist klar. Li et al. untersuchen die reflektierte Sonnenstrahlung am oberen Rand der Atmosphäre, also RSR. Sie nutzen dafür CERES EBAF Edition 4.2. Die Daten liegen monatlich auf einem Raster von 1° × 1° vor, der betrachtete Zeitraum reicht von März 2001 bis Februar 2022, also über 21 Jahre. Verwendet werden kurzwellige TOA- und Oberflächenflüsse unter All-Sky- und Clear-Sky-Bedingungen. Die Frage ist sauber gestellt: Wenn die Erde heute mehr Sonnenstrahlung absorbiert als vor zwanzig Jahren, reflektiert sie irgendwo weniger. Genau diesen Rückgang der Reflexion zerlegt Li in seine Bestandteile (Li et al., 2024).

 

Die Zerlegung ist der eigentliche Fortschritt. Li spricht nicht einfach pauschal von „Albedo“, als wäre das ein einziger großer Sammelbegriff. Stattdessen wird die reflektierte Sonnenstrahlung in drei Komponenten zerlegt: Wolken, klare Atmosphäre und Oberfläche. Die Wolkenkomponente umfasst also die Reflexion durch Wolken, die klare Atmosphäre den wolkenfreien Anteil durch Aerosole, Staub und Streuung, und die Oberfläche den Beitrag von Schnee, Eis, Land, Ozean, Vegetation und Boden. Die Wolkenkomponente wird dabei nicht geschätzt, sondern aus der Differenz zwischen atmosphärischem All-Sky- und Clear-Sky-Beitrag gewonnen. Aus dem Schlagwort „Albedo“ wird damit eine Messfrage. Das ist für uns entscheidend. Denn wir wollen ja genau wissen, welcher physikalische Mechanismus die kurzwellige Seite der Bilanz verändert.

 

Tabelle 11.4: Die Zerlegung von Li

 

Komponente Was sie meint Klimatische Lesart
Wolken Reflexion durch Wolken Wolkenbedeckung, Wolkenhöhe, optische Dicke
Klare Atmosphäre Reflexion ohne Wolken Aerosole, Staub, Streuung, klare Luft
Oberfläche Reflexion der Oberfläche Schnee, Eis, Land, Ozean, Vegetation, Boden

 

Der Hauptbefund ist einfach und stark: Beide Halbkugeln reflektieren weniger Sonnenstrahlung. Li spricht ausdrücklich von einem gleichzeitigen Dunklerwerden beider Halbkugeln. Für 2001 bis 2021 ergibt sich auf der Nordhalbkugel ein RSR-Trend von −0,83 W/m² pro Dekade, auf der Südhalbkugel ein Trend von −0,62 W/m² pro Dekade. Weniger RSR heißt unmittelbar mehr ASR. Die zusätzliche absorbierte Sonnenstrahlung ist also kein Modellprodukt und keine abgeleitete Vermutung. Sie steht direkt in den CERES-Daten, nur in der Form eines Rückgangs der Reflexion. Genau das passt zu Loeb: Im kontinuierlichen CERES-Trend steigt ASR um rund 0,71 W/m² pro Dekade, im Dekadenvergleich um rund 0,9 W/m². Li zeigt, woher dieser kurzwellige Zuwachs kommt.

 

Tabelle 11.5: Beide Halbkugeln dunkeln ab

 

Halbkugel Trend RSR Bedeutung
Nordhalbkugel −0,83 W/m² pro Dekade weniger Reflexion, mehr ASR
Südhalbkugel −0,62 W/m² pro Dekade weniger Reflexion, mehr ASR

 

Damit wird sofort klar, warum die ASR-Zunahme so groß ausfällt. Unsere langwellige Kontrollrechnung liefert für CO2, Wasserdampf und Lapse Rate rund 0,6 W/m² im gesamten Li-Zeitraum, also zentral rund 0,29 W/m² pro Dekade. Li zeigt auf der kurzwelligen Seite einen RSR-Rückgang von rund 0,73 W/m² pro Dekade. Dort kommt also deutlich mehr zusätzliche Sonnenenergie herein, als die Treibhausrechnung auf der Ausgangsseite dämpft. Die OLR-Seite erklärt, warum ein Teil der Wärme im System bleibt. Die RSR-Seite erklärt, warum überhaupt so viel zusätzliche Sonnenenergie ins System kommt. Der ASR-Zuwachs entsteht aus mehreren gleichzeitig sinkenden Reflexionsbeiträgen.

 

Die Nordhalbkugel zeigt das besonders deutlich. Dort sinkt RSR um 0,83 W/m² pro Dekade. Li zerlegt diesen Rückgang in drei Beiträge: −0,44 W/m² pro Dekade aus Wolken, −0,22 W/m² pro Dekade aus der klaren Atmosphäre und −0,17 W/m² pro Dekade aus der Oberfläche. In Prozent heißt das: Wolken liefern 53 Prozent des Rückgangs, klare Atmosphäre und Aerosole 27 Prozent, Oberfläche und Albedo 20 Prozent. Die Nordhalbkugel ist also kein reiner Wolkenfall. Sie ist ein Mischfall. Etwa die Hälfte kommt aus Wolken, etwa ein Viertel aus Aerosolen und Staub, etwa ein Fünftel aus Oberflächenänderungen. Das passt sehr gut zur Geographie: Die Nordhalbkugel ist die Landhalbkugel, mit großen Industriegebieten, großen Staubregionen, mehr Sulfatgeschichte, stärkeren Land-Ozean-Kontrasten und den arktischen Schnee- und Eisflächen.

 

Tabelle 11.6: Nordhalbkugel – Zerlegung des RSR-Rückgangs

 

Nordhalbkugel Trend Anteil am RSR-Rückgang
Wolken −0,44 W/m² pro Dekade 53 %
Klare Atmosphäre / Aerosole −0,22 W/m² pro Dekade 27 %
Oberfläche / Albedo −0,17 W/m² pro Dekade 20 %
Gesamt −0,83 W/m² pro Dekade 100 %

 

Für den Leser lässt sich das einfach übersetzen. Die Erde hat in den letzten zwei Jahrzehnten auf drei Wegen an Reflexionsvermögen verloren. Erstens über Wolken: weniger reflektiertes Sonnenlicht durch Wolken. Zweitens über die klare Atmosphäre: weniger Aerosole und weniger Staub bedeuten weniger Streuung und damit weniger Reflexion. Drittens über die Oberfläche: weniger helle Flächen, vor allem durch Eis- und Schneerückgang, bedeuten ebenfalls weniger Rückstrahlung. Zusammen erklären diese drei Effekte, warum ASR so kräftig steigt. Im Trendvergleich steht Li mit rund 0,73 W/m² pro Dekade auf der kurzwelligen Eingangsseite. Unsere Treibhausrechnung steht mit rund 0,27 bis 0,29 W/m² pro Dekade auf der langwelligen Ausgangsdämpfung. ASR ist damit der deutlich größere Bruttohebel.

 

Man kann das auch als einfache Bilanzformel lesen. ASR ist per Definition die absorbierte Sonnenstrahlung:

 

ASR = ISR − RSR

 

Wenn ISR, also die einfallende Sonnenstrahlung, im Mittel nicht systematisch steigt, dann kann ASR nur zunehmen, wenn RSR sinkt. Genau das zeigt Li. Das Plus auf der ASR-Seite ist also fast vollständig ein Minus auf der RSR-Seite. Und dieses Minus verteilt sich physikalisch sauber auf Wolken, klare Atmosphäre und Oberfläche. Damit haben wir jetzt die eigentliche Erklärung für den starken kurzwelligen Trend: Die Erde ist dunkler geworden. Nicht metaphorisch, sondern messbar strahlungsphysikalisch.

 

Die Südhalbkugel zeigt ein anderes Bild als die Nordhalbkugel. Auch dort sinkt die reflektierte Sonnenstrahlung deutlich, und zwar um 0,62 W/m² pro Dekade. Damit wird auch die Südhalbkugel dunkler und absorbiert mehr Sonnenstrahlung. Der Unterschied liegt in der Zusammensetzung dieses Trends. Während sich die Nordhalbkugel auf mehrere Ursachen verteilt, ist der Befund auf der Südhalbkugel fast ein reiner Wolkenbefund. Die Wolkenkomponente sinkt dort um 0,66 W/m² pro Dekade. Das ist sogar etwas mehr als der gesamte Rückgang der reflektierten Sonnenstrahlung. Die übrigen Komponenten wirken im Jahresmittel leicht gegenläufig und kompensieren zusammen etwa 0,04 W/m² pro Dekade.

 

Tabelle 11.7: Südhalbkugel – Zerlegung des RSR-Rückgangs

 

Südhalbkugel Trend Anteil am RSR-Rückgang
Wolken −0,66 W/m² pro Dekade 106 %
Klare Atmosphäre + Oberfläche zusammen +0,04 W/m² pro Dekade −6 %
Gesamt −0,62 W/m² pro Dekade 100 %

 

Das Vorzeichen ist hier der entscheidende Punkt. Die Wolken allein würden die Südhalbkugel um 0,66 W/m² pro Dekade dunkler machen. Der gesamte RSR-Trend liegt aber bei 0,62 W/m² pro Dekade. Also wirken die übrigen Beiträge zusammen leicht in die Gegenrichtung. Rechnerisch ergibt sich daraus ein Wolkenanteil von 106 Prozent. Das klingt im ersten Moment seltsam, ist aber völlig logisch: Die Wolken treiben den gesamten Trend, während klare Atmosphäre und Oberfläche einen kleinen Teil davon wieder ausgleichen. Man sollte diese Restgröße nicht überdehnen. Die Zahlen sind gerundet, und die Nicht-Wolken-Komponenten sind auf der Südhalbkugel im Jahresmittel kein robuster Haupttreiber. Die Richtung ist dennoch klar: Südhalbkugel heißt hier vor allem Wolken.

 

Genau das sagen Li et al. auch ausdrücklich. In der Südhalbkugel zeigt nur die Wolkenkomponente einen signifikanten abnehmenden Trend. Die signifikanten Rückgänge der reflektierten Sonnenstrahlung liegen vor allem zwischen 0 und 50 Grad Süd und werden dort vollständig durch die abnehmende Wolkenkomponente dominiert. Besonders genannt werden der südliche tropische Westpazifik und der Südliche Ozean (Li et al., 2024). Das passt sehr gut zur Geographie. Die Südhalbkugel ist die Ozeanhalbkugel. Sie hat weniger Land, weniger große Industriezentren, weniger kontinentale Staubgürtel und damit auch weniger starke Aerosolsignale als die Nordhalbkugel. Dafür hat sie viel mehr Ozean, große Sturmspuren und ausgedehnte marine Wolkenfelder. Wenn dort die Wolkenreflexion sinkt, erscheint das sofort in der CERES-Bilanz. Genau deshalb ist die Südhalbkugel für unsere Fragestellung so aufschlussreich: Sie zeigt den kurzwelligen Trend in seiner einfachsten Form. Weniger Wolkenreflexion heißt weniger RSR, mehr ASR und damit mehr Energie im System.

 

Damit lässt sich der Li-Befund sauber zusammenschließen. Beide Halbkugeln werden dunkler, aber aus unterschiedlichen Gründen. Die Nordhalbkugel ist ein Mischfall: Wolken, klare Atmosphäre und Oberfläche tragen gemeinsam zum Rückgang der reflektierten Sonnenstrahlung bei. Die Südhalbkugel ist fast ein reiner Wolkenfall: Dort erklärt die sinkende Wolkenreflexion praktisch den gesamten Trend. Zusammen ergibt sich daraus der zentrale Befund: Die Erde reflektiert seit Beginn der CERES-Ära messbar weniger Sonnenlicht. Weniger RSR heißt mehr ASR. Genau deshalb steigt die absorbierte Sonnenstrahlung so stark.

 

Als einfache globale Näherung kann man die beiden Halbkugeln mitteln. Die Nordhalbkugel verliert 0,83 W/m² reflektierte Sonnenstrahlung pro Dekade, die Südhalbkugel 0,62 W/m² pro Dekade. Global ergibt das rund 0,73 W/m² pro Dekade weniger RSR. Da ASR = ISR − RSR gilt, bedeutet dieser Rückgang unmittelbar: Die Erde nimmt rund 0,73 W/m² pro Dekade mehr Sonnenenergie auf, sofern die einfallende Sonnenstrahlung nicht entsprechend fällt. Genau diese Größenordnung passt zum Loeb-Befund: Loeb sieht einen starken Anstieg der absorbierten Sonnenstrahlung, Li zeigt, woher er kommt.

 

Tabelle 11.8: Globale Näherung des RSR-Rückgangs und Bedeutung für ASR

 

Größe Rechnung Ergebnis
Nordhalbkugel −0,83 W/m² pro Dekade weniger RSR
Südhalbkugel −0,62 W/m² pro Dekade weniger RSR
Globale Näherung (−0,83 − 0,62) / 2 −0,73 W/m² pro Dekade
Bedeutung für ASR ASR = ISR − RSR etwa +0,73 W/m² pro Dekade

 

Jetzt die Ursachen. Global gemittelt kommt der größte Teil dieses Dunklerwerdens aus den Wolken. Die Nordhalbkugel liefert −0,44 W/m² pro Dekade aus Wolken, die Südhalbkugel −0,66 W/m² pro Dekade. Gemittelt sind das −0,55 W/m² pro Dekade. Bezogen auf den globalen RSR-Rückgang von rund −0,73 W/m² pro Dekade entspricht das etwa 76 Prozent. Wolken sind damit der Haupthebel.

 

Tabelle 11.9: Globale Näherung der Ursachen des RSR-Rückgangs

 

Komponente Globale Näherung Anteil am globalen RSR-Rückgang
Wolken −0,55 W/m² pro Dekade ca. 76 %
Klare Atmosphäre / Aerosole / Staub −0,11 W/m² pro Dekade ca. 15 %
Oberfläche / Albedo −0,085 W/m² pro Dekade ca. 12 %
Kleine südliche Gegenkompensation +0,02 W/m² pro Dekade ca. −3 %
Gesamt −0,73 W/m² pro Dekade ca. 100 %

 

Die Prozentwerte sind eine Übersetzung des Li-Befunds in unsere Bilanzsprache. Rund drei Viertel des globalen Rückgangs der reflektierten Sonnenstrahlung kommen aus dem Rückgang der Wolken. Etwa ein Sechstel kommt aus klarerer Atmosphäre, also weniger Reflexion durch Aerosole, Staub und Streuung. Ein weiterer kleiner, aber sichtbarer Teil kommt aus der Oberfläche, also Schnee, Eis, Land, Ozean, Vegetation und Boden. Die Südhalbkugel liefert zusätzlich eine kleine gegenläufige Restgröße. An der Richtung ändert das nichts.

 

Damit wird der Zahlenvergleich scharf. CO2, Wasserdampf und Lapse Rate liefern großzügig gerechnet rund 0,6 W/m² im gesamten Li-Zeitraum, also rund 0,29 W/m² pro Dekade. Li zeigt auf der kurzwelligen Seite einen globalen RSR-Rückgang von rund 0,73 W/m² pro Dekade; über 21 Jahre sind das etwa 1,53 W/m² zusätzliche absorbierte Sonnenstrahlung. Loeb zeigt im CERES-Trend rund 0,71 W/m² pro Dekade mehr ASR und rund 0,45 W/m² pro Dekade mehr NET. Das sind unterschiedliche Rechenebenen: Gesamtwert über 21 Jahre, Trend pro Dekade und Dekadenvergleich. Sie zeigen aber dieselbe Bilanzlogik. Die kurzwellige Seite ist der große Bruttohebel. Die Treibhausseite bremst die Wärmeabgabe.

 

Das ist der Kern. Die Erde nimmt mehr Energie auf, weil zwei Dinge gleichzeitig passieren: Auf der Eingangsseite reflektiert sie weniger Sonnenlicht; auf der Ausgangsseite wird die langwellige Wärmeabgabe durch Treibhausphysik gedämpft. Li zeigt den Eingang: vor allem Wolken, dann Aerosole und Staub, dann Oberfläche und Albedo. Unsere Rechnung zeigt die Größenordnung der Dämpfung am Ausgang. Loeb zeigt den Rest als EEI. Wer nur auf CO2 schaut, sieht die Ausgangsseite. Wer CERES und Li liest, sieht auch die Eingangsseite. Und dort sitzt der große Trend: Die Erde ist messbar dunkler geworden.

 

Darum lohnt es sich, Li im Original zu lesen. Die Studie zeigt weit mehr als die grobe Dreiteilung in Wolken, klare Atmosphäre und Oberfläche. Li zeigt, wo und wann die Verdunklung entsteht. In der Nordhalbkugel sitzt der stärkste Rückgang der reflektierten Sonnenstrahlung vor allem zwischen 30 und 50 Grad Nord; dort wirken Wolken und klare Atmosphäre gemeinsam. In 10 bis 20 Grad Nord wird Staub wichtig, also Sahara, Sahel und angrenzende Staubgürtel. In 70 bis 80 Grad Nord tritt die Oberfläche hervor: Schnee, Eis, Schmelzzeit, arktische Albedo. Auf der Südhalbkugel liegt der starke Rückgang vor allem zwischen 0 und 50 Grad Süd und wird fast vollständig von Wolken getragen; besonders wichtig sind der südliche tropische Westpazifik und der Südliche Ozean. Auch die Monate sind aufschlussreich: In beiden Hemisphären ist der Rückgang im Frühling am stärksten, im Norden mit einem Maximum im April, im Süden mit einem Maximum im Oktober. Das ist keine CO2-Laborphysik. Das ist reale Erde: Breitenzonen, Ozeane, Staub, Aerosole, Wolken, Schnee, Eis, Jahresgänge und Wetterregime.

 

Und damit wird auch die Grenze der IPCC-Methode sichtbar. Der IPCC bündelt Strahlungsantriebe, Rückkopplungen, schnelle Anpassungen und Sensitivitätsgrößen in einem gemeinsamen Forcing- und Feedback-Rahmen. Für die Modellierung der ECS kann man so arbeiten. Für eine Messbilanz ist dieser Weg schwach. Wir machen hier das Gegenteil: Wir trennen die physikalischen Orte der Wirkung. Kurzwellige Eingangsphysik gehört in ASR = ISR − RSR. Langwellige Ausgangsphysik gehört in OLR. NET ist der Saldo. Wer diese Ebenen zu früh zu einer Nettogröße verrechnet, verliert genau die Unterscheidung, die CERES und Li sichtbar machen.

 

Deshalb ist der Befund so hart: Die aus Naturgesetzen, Formeln und Strahlungstransfer abgeleitete Treibhausphysik besteht die Realitätsprüfung. Aber die große Zusatzbewegung der letzten zwei Jahrzehnte kommt aus der kurzwelligen Seite. Wer daraus trotzdem eine präzise CO2-dominierte Temperaturprognose über den Weg einer modellierten ECS bauen will, überdehnt die eigene Methode. Unsere Rechnung trennt erst und bilanziert dann: langwellig CO2, Wasserdampf, Lapse Rate; kurzwellig Wolken, Aerosole, Staub und Albedo; anschließend CERES als Kassensturz. Das ist sauberer.

 

UAH: Temperatur gegen Bilanz

Für die Darstellung des Temperaturtrends verwenden wir die UAH-Reihe. Das passt zur Methode dieses Kapitels. CERES misst aus dem Weltraum die Strahlungsbilanz am oberen Rand der Atmosphäre. UAH misst aus Satellitendaten die Temperatur der unteren Troposphäre. Beides liegt näher beieinander als eine TOA-Strahlungsbilanz und bodennahe Stationsreihen, bei denen wir in Kapitel 3 bereits UHI-Effekte diskutiert haben.

 

UAH ist eine verarbeitete Satellitenreihe aus Mikrowellenmessungen. Sie misst Temperaturabweichungen einer atmosphärischen Schicht vom Boden bis grob 10 Kilometer Höhe, mit Schwerpunkt untere Troposphäre. Für unser Kapitel zählt das Li-Fenster März 2001 bis Februar 2022. Dafür verwenden wir eine eigene lineare Regression der monatlichen globalen Lower-Troposphere-Anomalien. Sie ergibt rund 0,141 °C pro Dekade.

 

Die Planck-Antwort liefert die Brücke zwischen Temperatur und Strahlung. Als Betrag verwenden wir den bekannten Wert von rund 3,22 W/m² pro °C. Eine Erwärmung von 0,141 °C pro Dekade entspricht damit einer zusätzlichen Planck-Abstrahlung von rund:

 

0,141 × 3,22 = 0,454 W/m² pro Dekade

 

Diese Zahl ist keine Ursache. Sie ist die Kühlreaktion des wärmer werdenden Systems. UAH sagt: Die untere Troposphäre erwärmt sich im Li-Zeitfenster um rund 0,14 °C pro Dekade. Planck übersetzt diese Erwärmung in rund 0,45 W/m² pro Dekade zusätzliche mögliche Wärmeabgabe.

 

Die CERES-Bilanz zeigt aber, dass diese zusätzliche Wärmeabgabe nicht vollständig als OLR erscheint. Loeb misst auf der langwelligen Ausgangsseite nur rund:

 

OLR: +0,26 W/m² pro Dekade

 

Die Differenz zwischen der Planck-Reaktion aus UAH und der beobachteten OLR-Zunahme beträgt:

 

0,454 − 0,26 = 0,194 W/m² pro Dekade

 

Das ist die empirisch abgeleitete OLR-Dämpfung. Sie ist die Größe, an der sich unsere Treibhausrechnung messen lassen muss. Unsere großzügige Treibhausrechnung liegt mit 0,287 W/m² pro Dekade darüber. Sie ist also keine Messgröße, sondern eine theoretische Oberkante. Die harte UAH-CERES-Bilanz zeigt rund 0,194 W/m² pro Dekade. Streng genommen ist auch das eine abgeleitete Größe, kein eigener CERES-Kanal: UAH liefert den Temperaturtrend, CERES liefert die OLR-Zunahme, Planck verbindet beides. Der Abstand von rund 0,09 W/m² pro Dekade ist kein zusätzlicher Wärmeschatz und kein Zukunftsanspruch. Er zeigt nur: Unsere Treibhausrechnung ist großzügiger als das, was in der einfachen UAH-CERES-Gegenrechnung direkt sichtbar wird.

 

Damit muss auch die Temperaturdeutung vorsichtiger werden. Man darf die 0,287 W/m² pro Dekade nicht einfach durch 3,22 teilen und dann als beobachteten Treibhausanteil in UAH einbauen. Das ergäbe rund 0,09 °C pro Dekade, aber das wäre nur ein isoliertes Planck-Äquivalent. Es wäre keine saubere Attribution des beobachteten UAH-Trends. Für die empirische Temperaturaufteilung müssen wir die beiden positiven Hebel gegeneinander stellen: die zusätzliche ASR und die langwellige Dämpfung.

 

Loeb zeigt für ASR:

 

ASR: +0,71 W/m² pro Dekade

 

Die empirisch sichtbare langwellige Dämpfung liegt bei:

 

0,194 W/m² pro Dekade

 

Damit ergibt sich als Anteil der Treibhausseite am positiven Bruttohebel:

 

0,194 / (0,71 + 0,194) = 0,215

 

Auf den UAH-Trend übertragen:

 

0,141 × 0,215 = 0,030 °C pro Dekade

 

Das ist der harte empirische Wert für die langwellige Dämpfungsseite dieser Bilanz: rund 0,03 °C pro Dekade.

 

Mit der großzügigen Treibhausrechnung als Oberkante ergibt sich:

 

0,287 / (0,71 + 0,287) = 0,288

 

Auf UAH übertragen:

 

0,141 × 0,288 = 0,041 °C pro Dekade

 

Das ist die großzügige Oberkante: rund 0,04 °C pro Dekade.

 

Damit lautet die saubere Temperaturlesart:

 

Tabelle 11.10: Saubere Temperaturlesart

 

Lesart Treibhausanteil am UAH-Trend
Treibhausseite empirisch sichtbar aus UAH + CERES ca. 0,03 °C/Dekade
Treibhausseite als großzügige Oberkante ca. 0,04 °C/Dekade
Insgesamt beobachteter UAH-Trend ca. 0,14 °C/Dekade

 

Mehr ist in dieser Bilanz als direkte Treibhaus-Attribution kaum haltbar. Die 0,09 °C pro Dekade dürfen nicht als Beitrag zum beobachteten Temperaturtrend ausgegeben werden. Sie sind nur ein isoliertes Planck-Äquivalent der großzügigen Treibhausrechnung. Sonst zählt man die Treibhausseite so, als gäbe es den großen kurzwelligen ASR-Hebel nicht.

 

Genau dieser ASR-Hebel ist aber gemessen. Loeb zeigt rund +0,71 W/m² pro Dekade zusätzliche absorbierte Sonnenstrahlung. Li erklärt, woher sie kommt: Die Erde reflektiert weniger Sonnenlicht. Der Rückgang der reflektierten Sonnenstrahlung entspricht grob +0,73 W/m² pro Dekade mehr ASR. Damit sitzt der große Bruttohebel der Temperaturentwicklung im Li-Zeitfenster auf der kurzwelligen Seite.

 

Man kann die Frage auch anders stellen: Was wäre, wenn RSR nicht gefallen wäre? Dann fiele die zusätzliche ASR weitgehend weg. Übrig bliebe in dieser Bilanz nur die langwellige Treibhausseite. Auf den beobachteten UAH-Trend umgelegt wären das empirisch etwa 0,03 °C pro Dekade, großzügig gerechnet etwa 0,04 °C pro Dekade. Der beobachtete Trend von rund 0,14 °C pro Dekade entsteht in dieser Bilanz also nicht ohne die kurzwellige Seite.

 

Das ist der eigentliche Kassensturz. CO2, Wasserdampf und Lapse Rate erklären die gedämpfte Wärmeabgabe auf der langwelligen Ausgangsseite. Li erklärt die starke zusätzliche Sonnenaufnahme auf der kurzwelligen Eingangsseite. Loeb zeigt, wie beides in ASR, OLR und NET zusammenläuft. UAH hält die Temperatur dagegen.

 

Die Treibhausphysik wirkt. Aber im CERES-/Li-Zeitraum trägt sie in der harten empirischen Bilanz nur etwa 0,03 °C pro Dekade zum beobachteten Temperaturtrend bei; großzügig gerechnet etwa 0,04 °C pro Dekade. Die Theorie liegt höher, weil sie großzügig rechnet. Die Messbilanz ist strenger. Sie fragt nicht, was CO2 plus Rückkopplungen theoretisch leisten könnten, sondern was davon im Zeitraum 2001 bis 2022 als gedämpfte OLR-Zunahme am TOA sichtbar wird. Diese sichtbare Dämpfung beträgt rund 0,194 W/m² pro Dekade. Die großzügige Rechnung kommt auf 0,287 W/m² pro Dekade. Mehr als die 0,194 ist in dieser Bilanz nicht gemessen, sondern nur als theoretische Oberkante vertretbar. So verwenden wir daher 0,194 W/m² pro Dekade als empirisch abgeleitete OLR-Dämpfung. Die 0,287 W/m² pro Dekade bleiben als großzügige potenziell mögliche Oberkante stehen. Alles darüber wäre in dieser Messbilanz nicht mehr aus CERES und UAH gedeckt.

 

Der harte Schluss: CO2 wirkt, aber nicht allein

Damit steht die naturwissenschaftliche Bilanz. Es gibt einen CO2-Effekt. Er ist physikalisch begründet, rechnerisch ableitbar und in der Messbilanz sichtbar. Aber er ist kleiner, als die öffentliche Klimaerzählung nahelegt: In der CERES-/UAH-Bilanz und bei strikter Trennung von Ein- und Ausgangsseite ergibt sich ein langwelliger Treibhausbeitrag von etwa 0,03 °C pro Dekade zum beobachteten UAH-Trend als Abschätzung auf Basis der gemessenen Energiebilanz.

 

Der alles entscheidende Befund: Loeb zeigt rund 0,71 W/m² pro Dekade mehr absorbierte Sonnenstrahlung. Li erklärt diese kurzwellige Zusatzaufnahme aus weniger reflektierter Sonnenstrahlung: Wolken, klare Atmosphäre, Aerosole, Staub, Oberfläche und Albedo. CERES zeigt also nicht nur eine gedämpfte langwellige Ausgangsseite. CERES zeigt vor allem einen stark veränderten kurzwelligen Eingang.

 

Der Unterschied zur großen IPCC-Kommunikation liegt damit offen. Die AR6-SPM arbeitet mit Szenarien und Modellprojektionen. Für 2081 bis 2100 nennt sie im mittleren Emissionsszenario SSP2-4.5 einen Best Estimate von 2,7 °C gegenüber 1850–1900; im hohen Szenario SSP3-7.0 sind es 3,6 °C. Daraus entsteht öffentlich schnell die Drei-Grad-Erzählung. Medien, Aktivisten und Klimafolgenforscher greifen diese Zahl auf, laden sie mit Schadensketten, Extremfolgen und politischen Forderungen auf und machen daraus eine Gewissheitsmaschine.

 

Die Messbilanz hier trägt diese Aufheizung nicht. Klar wird es wärmer. Klar trägt der Mensch dazu bei. Klar wirkt CO2. Aber die jüngere reale Erwärmung entsteht in dieser Bilanz nicht als reine CO2-Folge. Sie entsteht aus einem gemessenen Zusammenspiel: gedämpfte langwellige Wärmeabgabe plus starke kurzwellige Zusatzaufnahme. Wer daraus eine präzise CO2-dominierte Jahrhundertprognose macht, erzählt mehr Sicherheit, als die Messung hergibt.

 

Das ist der harte Punkt. Die Rechnung passt, sobald man die Orte der Wirkung trennt. CO2 sitzt auf der langwelligen Ausgangsseite. Wasserdampf verstärkt. Die Lapse Rate zieht ab. CERES zeigt, dass OLR steigt, ASR aber stärker steigt. Loeb zeigt die Bilanz. Li zeigt die Verdunklung. UAH zeigt die Temperaturantwort. Planck verbindet Strahlung und Temperatur. Das ist ein naturwissenschaftlicher Befund. Es ist kein Nullbefund. Aber es ist auch keine 2,7- oder 3,6-Grad-Jahrhundertgewissheit, kein Katastrophenautomat und kein Argument für hektische Deindustrialisierung.

 

Die Messbilanz im hier untersuchten Zeitraum trägt eine starke, vorwiegend CO2-getriebene Aufheizung, wie sie in manchen Szenarien projiziert wird, nicht. Es wird wärmer, und der Mensch trägt dazu bei. Die jüngere Erwärmung entsteht jedoch in dieser Bilanz aus einem Zusammenspiel von langwelliger Dämpfung und einer starken Zunahme der absorbierten Sonnenstrahlung auf der kurzwelligen Seite.

 

Lohnt sich das? Nur mit Nutzen

Als direkte Temperaturpolitik: kaum. Das ist die nüchterne Antwort. Die KfW beziffert die gesamten Klimaschutzinvestitionen für Klimaneutralität in Deutschland auf rund 5 Billionen Euro bis 2045. Davon sind 1,9 Billionen Euro zusätzliche Mehrinvestitionen jenseits der ohnehin notwendigen Investitionen. Auf die Jahre bis 2045 verteilt sind das rund 191 Milliarden Euro Klimaschutzinvestitionen pro Jahr, davon rund 72 Milliarden Euro zusätzliche Mehrinvestitionen pro Jahr. Das ist eine gigantische Kapitalumlenkung. Deshalb muss die Begründung stimmen.

 

Jetzt stellen wir die mögliche Temperaturwirkung daneben. Wir rechnen hier konsequent mit CO2, nicht mit CO2-Äquivalenten. Deutschland emittierte zuletzt gut 570 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Global liegen die energie- und prozessbedingten CO2-Emissionen bei rund 37,8 Milliarden Tonnen pro Jahr. Deutschlands heutiger Anteil am globalen CO2-Zufluss liegt damit grob bei 1,5 Prozent. Rechnet man historisch strenger, kann man Deutschland höher belasten, etwa mit 3,5 bis 4 Prozent.

 

Entscheidend ist nun der neue Temperaturmaßstab aus unserer Messbilanz. Der empirisch sichtbare Treibhausanteil am UAH-Trend liegt nicht bei 0,09 °C pro Dekade. Die 0,09 °C pro Dekade sind nur das isolierte Planck-Äquivalent der großzügigen Treibhausrechnung. Für die beobachtete Temperaturaufteilung ergibt sich aus CERES, Loeb, Li und UAH ein anderer Wert: empirisch rund 0,03 °C pro Dekade, großzügig gerechnet rund 0,04 °C pro Dekade.

 

Selbst wenn man diesen CO2-nahen Erwärmungsanteil linear bis 2100 fortschreibt, kommt global nur eine Größenordnung von rund 0,22 bis 0,30 °C heraus. Deutschlands heutiger Anteil daran liegt bei 1,5 Prozent. Das ergibt als direkter deutscher Temperatureffekt bis 2100 ungefähr:

 

0,22 bis 0,30 °C × 0,015 = 0,003 bis 0,005 °C

 

Bei harter historischer Zurechnung mit 3,5 bis 4 Prozent ergibt sich:

 

0,22 bis 0,30 °C × 0,035 bis 0,04 = 0,008 bis 0,012 °C

 

Das ist die Größenordnung. Kein Grad. Kein Zehntelgrad. Nicht einmal zuverlässig ein Hundertstelgrad, solange man mit dem heutigen deutschen Anteil rechnet. Selbst bei strenger historischer Belastung bleibt man grob im Bereich eines Hundertstelgrads. Das ist kein Temperaturschalter für den Planeten. Das ist ein kaum messbares deutsches Temperatursignal.

 

Damit wird die Kostenrechnung noch härter. 1,9 Billionen Euro zusätzliche Mehrinvestitionen für eine rechnerische Temperaturwirkung von rund 0,003 bis 0,005 °C ergeben grob 400 bis 600 Billionen Euro pro vermiedenem Grad. Selbst mit harter historischer Zurechnung und 0,008 bis 0,012 °C landet man immer noch bei ungefähr 160 bis 240 Billionen Euro pro Grad. Als direkter Temperaturhebel ist das nicht seriös zu begründen. Wer Klimaneutralität in Deutschland ausschließlich als globale Temperaturbremse verkauft, überzieht die Rechnung.

 

Diese Rechnung ist sogar noch wohlwollend. Sie unterstellt, dass jede in Deutschland vermiedene Tonne CO2 global nicht anderswo ersetzt wird. Sie unterstellt, dass Deutschlands Anteil linear auf die Temperaturwirkung übertragen werden darf. Sie unterstellt, dass der empirisch sichtbare CO2-nahe Anteil bis 2100 stabil fortgeschrieben werden kann. Sie unterstellt außerdem, dass die gesamte deutsche Minderung global zusätzlich bleibt und nicht durch Verlagerung, Importe, Leakage oder Wachstum anderswo teilweise kompensiert wird. Auch das ist bereits wohlwollend.

 

Damit ist nicht jede Investition falsch. Die Begründung muss nur wechseln. Sinnvoll sind Investitionen dort, wo sie auch ohne deutsches Temperatursignal Vorteile bringen: billigere Energie, stabilere Netze, marktfähige Speicher, nutzbare Abwärme, effiziente Industrieprozesse, geringere Importabhängigkeit, bessere Luft, robustere Infrastruktur, technische Führungsfähigkeit, Forschung, Anpassung an Hitze, Wasserwirtschaft, Deiche, Stadtplanung und Katastrophenschutz. Das sind reale Nutzen. Sie brauchen keine apokalyptische Temperaturrechnung. Sie rechnen sich durch ihren eigenen Wert.

 

Ganz anders sieht es bei erzwungenen Vorzieheffekten aus: eine funktionierende Heizung politisch entwerten, ein brauchbares Auto vorzeitig abschreiben, Industrie durch Energiepreise vertreiben, Netze überlasten, Technologien vorschreiben, bevor sie reif und günstig sind, Kapital in symbolische CO2-Minderung lenken, obwohl der globale Temperatureffekt kaum messbar bleibt. Das ist schlechte Politik. Kapital ist begrenzt. Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Ein Euro für moralische Symbolik fehlt bei Bildung, Forschung, Digitalisierung, Verteidigung, Pflege, Infrastruktur, Anpassung und Innovation.

 

Die pragmatische Linie ist deshalb klar: weiter modernisieren, aber ohne religiösen Zwang. Erneuerbare dort, wo sie günstig und systemdienlich sind. Batterien dort, wo sie Netze stabilisieren. Wärmepumpen dort, wo Gebäude und Strompreis passen. Effizienz dort, wo sie sich rechnet. Industrieumbau dort, wo Verfahren technisch reif sind. CO2-Minderung dort, wo die Kosten pro Tonne niedrig sind. Anpassung dort, wo Risiken real sind. Forschung vor Verbotssymbolik. Nutzen vor Moral. Größenordnung vor Gefühl.

 

Ja, es wird wärmer. Ja, CO2 wirkt. Ja, der Mensch trägt zur Erwärmung bei. Aber die Welt endet nicht an der nächsten ppm-Zahl. Die Messungen erlauben einen ruhigeren Weg: weniger Glaubenskampf, mehr Physik; weniger Moraltheater, mehr Kosten-Nutzen-Rechnung; weniger Zwang, mehr Technik; weniger Modellgläubigkeit, mehr Messung.

 

Das wäre der vernünftige Ausweg: verbal abrüsten, weiter messen, besser rechnen, klug modernisieren und Politik wieder auf den Boden der Größenordnungen stellen. Die Aufgabe ist, die Debatte aus der Glaubensfrage zurück in die Bilanz zu holen.

 

Denn wer die Messungen ernst nimmt, muss weder leugnen noch knien.

 

Er kann einfach rechnen.

 

Und dann kann Wissenschaft™ endlich wieder Wissenschaft werden.

 

Literatur

Intergovernmental Panel on Climate Change. (2021a). Climate Change 2021: The Physical Science Basis. Chapter 7: The Earth’s energy budget, climate feedbacks, and climate sensitivity. Cambridge University Press. https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/chapter/chapter-7/

 

Intergovernmental Panel on Climate Change. (2021b). Climate Change 2021: The Physical Science Basis. Chapter 8: Water cycle changes. Cambridge University Press. https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/chapter/chapter-8/

 

Intergovernmental Panel on Climate Change. (2023). Summary for Policymakers. In Climate Change 2023: Synthesis Report. Cambridge University Press. https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/summary-for-policymakers/

 

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